Filmarchiv

Air Force One

Mein Präsident - mein Sheriff, mein Held

Pathetisch und patriotisch: Wolfgang Petersens «Air Force One»

Von Christoph Rácz

Vietnam-Soldat und Präsident: Sheriff der 90er Jahre. Im US-Kino löst ein Präsident den anderen ab. Der neueste heisst James Marshall, erinnert an Clinton und tritt auf wie Reagan. Ein patriotisches Machwerk des Zeitgeistsurfers Wolfgang Petersen («Das Boot»).

Air Force One - das ist die fliegende Luxus-Kiste für den amerikanischen Präsidenten; das Weisse Haus im Boeing 747-Format, inklusive holzgetäfertem Schlafzimmer und «Oval Office». «Air Force One», das ist die grosse Kino-Kiste des nach Hollywood ausgewanderten deutschen Regisseurs Wolfgang Petersen, der in dieser fliegenden Festung den Präsidenten in die Rolle des Soldaten schlüpfen lässt.

Präsident James Marshall (Harrison Ford) macht sich mit Ehefrau Grace (Wendy Crewson), Tochter Alice (Liesel Matthews) und seinem Stab auf den Rückflug von Moskau nach Hause. Eben hat er mit einer verblüffenden Rede den undiplomatisch klaren Schlusspunkt hinter eine russisch-amerikanische Militäraktion in Kasachstan gesetzt. Motto: Die USA nehmen ihre Rolle als Welt-Sheriff ernst, werden kein Terror-Regime mehr dulden und im Notfall mit der Waffe für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen.

Aufrecht und mutig

Doch die Anhänger des gefangengesetzten kommunistisch-nationalistischen Generals Radek (Jürgen Prochnow in seiner wohl verschwiegensten Rolle) schlagen zurück und bringen dank eines verräterischen Sicherheitsoffiziers Air Force One in ihre Gewalt. Igor Korshunov (Gary Oldman), der fanatische Anführer der Terroristen, muss allerdings vorerst auf seine Hauptgeisel verzichten: Marshall scheint mit der Rettungskapsel abgesprungen, hält sich aber tatsächlich an Bord versteckt und beginnt, die moralische Maxime seiner Rede praktisch umzusetzen - so, wie er es als Soldat im Vietnamkrieg gelernt hat.

Ein reaktionärer Rambo im eleganten Anzug? So einfach macht es uns Petersen nicht, schliesslich weiss er um das Unbehagen Vieler in Europa angesichts der unentschlossenen Haltung der eigenen Regierungen gegenüber den nationalistischen Kräften auf dem Balkan. Einfach bleibt er aber in der Wahl der Methode: Die Waffe in der Hand löst das Problem. Daher tritt auch Korshunov als Inkarnation von Fanatismus und Menschenverachtung auf. Wenn sich dann die beiden Kontrahenten am Schluss wirklich gegenüber stehen, wird es nicht psychologisch, sondern peinlich. Korshunov schwadroniert von Mütterchen Russland, die Musik von Barry Goldsmith schmiert sinfonischen Kitsch obendrüber. Da kann sich Gary Oldman noch so abmühen, seine Figur bleibt nur hassenswert.

Einfältig und wendig

Aber nicht nur die simplifizierende Weltsicht macht diesen Film so schwer geniessbar. Auch erzählerisch hat er Schwächen. Parallel zu den Terroristen im Flugzeug bedrohen die Militärs im Krisenstab der US-Regierung das Leben der Geiseln. Standfest vertritt Vizepräsidentin Kathryn Bennett (Glenn Close) die Verhandlungsposition; die Gefahr einer Machtübernahme durch die Hardliner erzeugt keine zusätzliche Spannung. Und den Computertricks zum guten Schluss sieht man die Pixel geradezu an.

Der Regisseur, der in «Enemy Mine» (1985) aufwendig die schlichte Botschaft von Toleranz und gegenseitigem Verständnis und Liebe verpackt hatte, lässt in seinem ungeniessbaren Mix aus Kriegsfilm, Terrordrama und Katastrophenfilm bei auftauchenden Problemen die Waffe sprechen und erweist sich damit als wendiger Zeitgeistsurfer.

Regie Wolfgang Petersen
Buch Andrew W. Marlowe
Kamera Michael Ballhaus
Musik Jerry Goldsmith
Produktion USA 1997
Dauer 124 Min.
Genre Action

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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