Filmarchiv

After Life

Die Erinnerung und der Tod

Eine überhaupt nicht traurige Annäherung an den Tod und die schönsten Erinnerungen ans Leben

Von Jana Ulmann

Jede Kultur hat ihre eigenen Erinnerungs- und Vergessenstechniken, die oft eng miteinander verwoben sind. So zeigt sich gerade im Umgang mit dem wohl mächtigsten Protagonisten des Vergessens, dem Tod, dass das Vergessen immer schon an Erinnerungsrituale gebunden ist. Die alten Griechen zum Beispiel haben daran geglaubt, dass sie, bevor sie in die Unterwelt eingehen können, vom Wasser des Lethe, des Flusses des Vergessens, trinken müssen, damit ihre Seele frei von plagenden Erinnerungen sei.

Ein ähnliches Ritual hat sich der japanische Filmemacher Hirokazu Kore-eda («Maboroshi no hikari») für seinen zweiten Kinofilm ausgedacht. Bei ihm kommen die Verstorbenen zuerst in eine Art Vorhimmel. Eine Woche lang haben sie Zeit, um eine Aufgabe zu erfüllen, die ihnen den Zutritt ins Jenseits garantiert. Sie sollen sich die schönste Erinnerung an ihr Leben aussuchen. Diese Erinnerung wird dann vom himmelseigenen Filmteam auf Zelluloid gebannt. Wenn die Verstorbenen sich den Film mit ihrer schönsten Erinnerung ansehen, gehen sie, einzig mit dieser Erinnerung im Gepäck, ins grosse Vergessen ein. Hilfe bei der diffizilen Wahl ihrer schönsten Erinnerung erhalten sie von den Verstorbenen, die an dieser ihnen gestellten Aufgabe gescheitert sind, die also ihre schönste Erinnerung noch nicht finden konnten.

Kore-edas Film ist nicht nur eine Reflexion über den Zusammenhang von Film und Gedächtnis, sondern auch ein Film über das Filmen. Das Filmische ist Erinnerungstechnik ? Filme erinnern, und das Erinnern funktioniert wie ein Film. Im Film erzählte Erinnerungen sind Fiktionen. Dabei versucht Film immer auch, die Geschichten so glaubwürdig wie möglich zu erzählen. Die Figuren in «After Life» müssen sich ja mit ihren verfilmten Erinnerungen identifizieren können. Damit das gewährleistet werden kann, präsentiert Kore-eda auf lustige und poetische Weise die Arsenale der Filmtrickkiste. «After Life» zeigt bestechend schöne Bilder von zarter Farbigkeit, die direkt unserer Erinnerung entsprungen scheinen, schwebend und einprägsam gleichzeitig.

Regie Hirokazu Kore-eda
Buch Hirokazu Kore-Eda
Kamera Yutaka Yamazaki
Musik Yasuhiro Kasamatsu
Produktion Jap 1998
Dauer 118 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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