Filmarchiv

101 Reykjavik

Hoher Norden, heisse Nächte

Erfrischende Dreieckskomödie aus Island über Mutter, Sohn und eine feurige Geliebte

Von Mira Preisig

Reykjavík ist die Hauptstadt Islands und bei Island denkt jeder zuerst an dicke Pullover, tiefe Temperaturen und Regen; oder an prächtige Natur, an Isländer-Pferde, möglicherweise auch an Geysire. Baltasar Kormákur greift in "101 Reykjavík" (official site; Isländisch) einige dieser Klischees auf, kontrastiert die oft klirrende Kälte aber bewusst mit der Inszenierung südländischer Wärme und der sexuellen Hitze "heisser" Nächte.

Die Zahl im Filmtitel erinnert an "1001 Nacht", an arabische Märchen, laue Abende und Bauchtanz. Dabei steht 101 ganz lapidar für die Postleitzahl eines Quartiers der isländischen Kapitale, in dem Hlynur (Hilmir Snær Gudnason) mit seiner Mutter (Hanna Maria Karlsdóttir) wohnt. Der 28-jährige, arbeitslose Antiheld bewegt sich zwischen Bett, Badewanne und Computer hin und her und verlässt das Haus nur selten, ausser an Wochenenden, an denen sich die städtische Jugend in Clubs und Bars amüsiert, betrinkt und verliebt - und alles tut, was zu rauschenden Festen sonst noch gehören mag.

Hlynur fristet also ein ziemlich ödes Leben ohne konkretes Ziel. Bis die temperamentvolle Lola (Victoria Abril, vor allem bekannt aus den Filmen Pedro Almodòvars), die spanische Flamencolehrerin seiner Mutter, bei ihnen einzieht. Es kommt zu einem heissen One-Night-Stand, aus dem Hlynur verwirrt und Lola schwanger hervorgeht. Darauf folgt die Beichte der Mutter, die Hlynur ihre lesbische Liebe zu Lola gesteht; Lolas Kind wollen sie gemeinsam aufziehen. In der Verfilmung des gleichnamigen Buches des populären isländischen Schriftstellers Hallgrimur Helgason entstehen so seltsame verwandtschaftliche Verquickungen: Hlynur wird als Sohn seiner Mutter zudem Vater und Bruder des Kindes der Geliebten seiner Mutter.

Der Regisseur beschreibt die arg konstruierte Handlung des Filmes selbst als einen "freudianischen Alptraum" und entwirft Reykjavík als Stadt "unter dem Zeichen der ungezügelten Sexualität". Mit viel Humor und wohl tuender Ironie setzt er stereotyp gezeichnete Figuren, die mit den Irrungen und Wirrungen des Schicksals zu kämpfen haben, dennoch glaubwürdig um und vermag damit erstaunlich gut zu unterhalten.

Regie Baltasar Kormákur
Buch Baltasar Kormákur
Kamera Peter Steuger
Musik Damon Albarn, Einar Örn Benediktsson
Produktion Island/DK/F/Nor 1999
Dauer 89 Min.
Genre Komödie

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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