Filmarchiv

A vendre

Passionierte Gefühllosigkeit

Verwirrende Suche nach Liebe, Glück und Identität in «A vendre».

Von Brigitte Häring

Die aufregendste Neuentdeckung des französischen Films heisst Sandrine Kiberlain. Sie ist nun in der Rolle der geheimnisvollen France in Laetitia Massons «A vendre» zu sehen.

Pierre Lindien (Jean-François Stévenin), alternder Geschäftsmann, wartet vor dem Altar auf seine Braut. Doch die lässt ihn vergebens warten: sie ist spurlos verschwunden und mit ihr eine nicht unbeträchtliche Summe Geld des reichen Bräutigams. Lindiens Freund Luigi Primo (Sergio Castellito), seines Zeichens beschäftigungsloser Privatdetektiv, bietet dem traurigen Freund an, die Verlorene zu suchen. Als er von Pierre mehr über die geheimnisvolle Braut wissen möchte, merkt dieser, dass er eigentlich gar nichts über seine Verlobte weiss. Nur ihren Heimatort kann er Luigi nennen.

Luigi begibt sich an den Geburtsort von France (Sandrine Kiberlain), um Verwandte und Nachbarn zu befragen. Niemand kann ihm etwas über den Verbleib der jungen Frau sagen. Vor zwei Jahren ist sie aus dem Dorf verschwunden und seither nicht mehr aufgetaucht. Doch Luigi beginnt, sich plötzlich für dieses unscharfe Bild einer Person, die er gar nicht kennt, zu interessieren: Aus den Erzählungen der Eltern, der Freunde und Dorfbewohner kristallisiert sich das Bild einer schüchternen, ja verklemmten Frau heraus, die alle einstimmig als hilflos und verschlossen bezeichnen. Luigi beginnt, Frances Spuren zu folgen und trifft alle Leute, die France auf ihrer Odyssee begegnet sind.

Leidenschaftliche Suche

Was als einfacher Suchauftrag eines Detektivs anfängt, wird immer mehr zur Passion. Luigi verfolgt eine Frau, deren Phantom wiederum ihn verfolgt und nicht mehr loslässt. Der Auftrag seines Freundes wird unwichtig, tritt in den Hintergrund. Wichtig ist nur noch das Bild dieser Frau, das immer verworrener und widersprüchlicher wird. Luigis Weg zu der seltsamen Frau führt ihn schliesslich nach Paris, der Stadt, die er nach einer gescheiterten Ehe für immer verlassen wollte. Seine eigene Vergangenheit, seine privaten Probleme vermischen sich mit der Suche nach France.

Während Luigi sich die Persönlichkeit der jungen Frau zusammensetzt, indem er Leute sucht, die mit France Kontakt hatten, indem er den gleichen Weg wie sie fährt und ihr immer näher kommt, sie aber nie sieht, erfahren die Filmzuschauer in Rückblenden parallel zu Luigis Reise die Reise der Vagabundin.

Versöhnliches Ende

France ist, enttäuscht von ihrer ersten Liebe, aus dem kleinen Dorf geflohen. Auf der Suche nach Liebe, Sinn und eigener Identität verliert sie immer mehr die Liebe und Achtung für sich selber. Sie kann nur noch Nähe und Geborgenheit erfahren, indem sie sich ? ihren Körper ? verkauft. Männer, die sie lieben, sollen für das Zusammensein mit ihr bezahlen. Trotz erfahrener Liebe findet France nicht, was sie sucht. Sie muss immer weiter ziehen; ein unwiderstehlicher Drang, ständig vor sich selber wegzulaufen, ihr Leben in immer unwegsamere Bahnen zu lenken, treibt sie langsam ins Verderben, in die totale Isolation und Einsamkeit.

Laetitia Massons Film ist verwirrend: Das gejagte Phantom wird zum Motor eben dieser Jagd, die beiden Figuren Luigi und France drehen sich im Kreis, fliehen vor sich selber auf der Suche nach etwas scheinbar Unerreichbarem. Herrvorragend gespielt von den beiden Hauptdarstellern Sandrine Kiberlain und Sergio Castellito ist «A vendre» voll verstörender und zugleich faszinierender Energie. Doch wenn der Film auch scheinbar menschliche Katastrophen darstellt, die Regisseurin hat einen zwar offenen, doch zumindest versöhnlichen Schluss angedeutet.

Regie Laetitia Masson
Buch Laetitia Masson
Kamera Antoine Héberle
Musik Siegfried
Produktion F 1998
Dauer 117 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

Zurück



Top   Druckversion   Seite als Hotlink speichern
Meine Seitenbewertung