Filmarchiv

Absolute Power

Vom Haudegen zum Gentleman-Einbrecher

Clint Eastwood auf den Spuren Hitchcocks

Von Karin Müller

In diesem spannenden aber nuancierten Thriller begegnen wir einem ironischen und altersweisen Clint Eastwood, der einmal mehr als Schauspieler wie auch als Regisseur überzeugt.

Clint Eastwood, einstiger Spaghettiwestern- und Revolverheld, hat schon vor einiger Zeit erfolgreich vom Schauspiel- ins Regiefach gewechselt. In besonders guter Erinnerung bleiben unter anderen «Bird», ein Porträt über den Jazzmusiker Charlie Parker, oder der düstere Westernabgesang «The Unforgiven».

Kein «Whodunnit»

In seinem neuen Film spielt der ehemalige Heisssporn einen klassischen Meisterdieb, einen Safeknacker mit Kunstsinn und Moral. Eastwood wandelt in «Absolute Power» auf den Spuren Hitchcocks und erzählt eine Geschichte voller «suspense». Es geht dabei nicht darum herauszufinden, wer das Verbrechen verübte, sondern ob und wie der Bösewicht überführt werden kann.

Gleichzeitig kokettiert der mittlerweile 67jährige Hollywoodveteran auf ironisch-humorvolle Weise mit seinem Alter: Etwa indem er als sowohl körperlich als auch geistig äusserst gewandter Juwelendieb Luther Whitney seinen Gegenspieler, den Polizisten Seth Frank, verkörpert vom 47jährigen Ed Harris, als jungen Mann betitelt, und ihm treuherzig erzählt, er trage einen Herzschrittmacher.

Unfreiwilliger Zeuge

Luther Whitney verbringt seine Freizeit tagsüber im Kunstmuseum beim Zeichnen. Am Abend jedoch dringt er in die Villa eines alten Multimillionärs ein, um sich seine Pension zu sichern. Bevor er dabei von einem angetrunkenen Liebespaar überrascht wird, kann er sich hinter einen Spiegel retten, der allerdings nur auf einer Seite blind ist. So kann Luther die junge Frau und den älteren Mann von seinem Versteck aus beobachten und wird unfreiwillig Zeuge eines Mordes. In die Tat verwickelt ist kein geringerer als Alan Richmond (Gene Hackman), der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und jetzt auch Luther, der ein den mächtigsten Mann der Welt belastendes Beweisstück behändigt, bevor er sich aus dem Staub macht.

Natürlich bleibt Luther nicht lange unerkannt und bald sind ihm die Polizei samt Regierungsagenten und Multimillionär auf den Fersen. Luthers erste Reaktion ist, die Koffer zu packen und für immer zu verschwinden. Er besinnt sich jedoch bald eines Besseren und nimmt sich vor, sich vom Mordverdacht zu befreien und Richmond, den wahren Schuldigen, ans Messer zu liefern. Das Gewissen macht Luther erst recht zu schaffen, als auch noch seine Tochter in die ganze Sache hineingezogen wird. Zwar haben sich die beiden ziemlich entfremdet, finden nun aber Gelegenheit, sich endlich näher zu kommen.

Subtile Spannung

Mit «Absolute Power» gelang Eastwood ein subtiler Thriller, der seine Spannung nicht aus grossangelegten, atemlosen Actionszenen bezieht. Wenn auch manche Szenen ein wenig zu lang geraten sind ? so die anfängliche Mordszene ?, wird es doch nie langweilig zuzusehen, wie sich der von allen Seiten bedrängte Gentleman-Einbrecher Luther elegant aus der ausweglos scheinenden Affäre zu ziehen weiss. Daneben gibt es auch echt witzige Auftritte, wenn zum Beispiel die Stabschefin Gloria Russell (Judy Davis) mit dem Präsidenten einen Walzer tanzt und sich die beiden ständig lächelnd über eine gefährliche Zuspitzung der Ereignisse im Zusammenhang mit der unter allen Umständen zu vertuschenden Bluttat unterhalten.

Geblieben von Eastwoods altem Image ist in «Absolute Power» übrigens die Figur des einsamen Wolfes. Auch Luther Whitney ist ein Einzelgänger, der auf seine alten Tage allerdings doch noch die Nähe der Menschen, in der besonderen Gestalt seiner Tochter, sucht.

Regie Clint Eastwood
Buch William Goldman (Vorlage: David Baldacci)
Kamera Jack N. Green
Musik Lennie Niehaus
Produktion USA 1997
Dauer 120 Min.
Genre Thriller

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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