Filmarchiv

A ma soeur

Demütigende Schwesternliebe

Catherine Breillat zeigt eine bedrückende Studie über zwei adoleszente Schwestern.

Von Brigitte Häring

Lange galt Catherine Breillat als "enfant terrible" des französischen Films: Ihr Debütfilm "Une vraie jeune fille" von 1975 wurde als Pornofilm eingestuft und durfte erst kürzlich in den Kinos gezeigt werden. Doch die Toleranzgrenze im Kino hat sich verschoben; gezeigte Sexualität muss nicht immer gleich Pornographie sein, obschon sie noch immer heftige Diskussionen anzuregen vermag. Mit "Romance" (1999) wurde Catherine Breillat dann grosses Kritikerlob zuteil. Nun kommt ihr neuestes Werk "À ma soeur" ins Kino, das die problematische Beziehung adoleszenter Schwestern thematisiert.

Anaïs (Anaïs Reboux) ist das Paradebeispiel für das "dicke Kind". Sie ist zwölf und scheint immer nur zweite Geige zu spielen. Ihren Frust gegen die ganze Welt versteckt sie hinter einem Panzer von Gleichgültigkeit, von Intelligenz und Abgeklärtheit; sie wird zur Beobachterin. Die Schwester Elena (Roxane Mesquida) stellt den Gegenpol dar: eine bildschöne Fünfzehnjährige, deren Ziel es ist, endlich die "romantische Liebe" zu erleben. Die Beziehung der beiden ist eine Art Hassliebe. Immer zusammen, sind sie meistens dabei, sich gegenseitig zu kränken. So erleben sie auch "das erste Mal" gemeinsam: Elena als Liebesobjekt, Anaïs als Beobachterin.

Elena verliebt sich in den Ferien in den italienischen Studenten Fernando (Libero de Rienzo), der eines Nachts in das gemeinsame Schlafzimmer der Schwestern kommt. Die unerwünschte, aber immer anwesende jüngere Schwester ist auch jetzt dabei und muss, da sie nicht schlafen kann, alles miterleben. Auch als die Ferien wegen der aufgeflogenen Geschichte abgebrochen werden, ist sie als Mitwisserin genauso bestraft. Die Erlebnisse der verpatzten Ferien gipfeln in einer Katastrophe, die wiederum (wenigstens scheinbar) nur Anaïs stoisch durchlebt.

Trotz grossartiger Darstellerinnen hinterlässt dieser Film dennoch gemischte Gefühle: Einerseits für grosse Realitätsnähe werbend, scheinen die beiden Schwestern doch Vertreterinnen gewisser stereotyper Mädchenbilder zu sein, deren einziges Ziel darin besteht, in ihren Rollen zu bestehen und die andere zu kränken und zu demütigen. Doch immerhin ist "À ma soeur" eine ernste und sorgfältige Annäherung an das Erwachsenwerden.

Regie Catherine Breillat
Buch Catherine Breillat
Kamera Yorgos Arvanitis
Musik Jean Minondo
Produktion F/It 2001
Dauer 93 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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