Filmarchiv

Eight and a Half Women

Und ewig lockt das Weib

Wenn der Sohn den Vater die sexuelle Befreiung lehrt.

Von Jana Ulmann

Mit «8½ Women» schafft Peter Greenaway eine absurde Hommage an Federico Fellinis «Otto e mezzo» und einen Abgesang auf Männerfantasien und Frauen.

8½ weibliche Archetypen entwickelt Greenaway, um sie dann samt seinen beiden männlichen Hauptdarstellern in einer Art Abgesang wieder verschwinden zu lassen. Da spazieren Frauenfiguren aus dem Reich der Männerfantasien über die Leinwand, wie sie Fellini so unübertroffen zu inszenieren wusste.

Philip Emmenthal (John Standing) ist ein vermögender Geschäftsmann, der mit seiner Frau irgendwo am Genfersee ein betuliches Leben verbringt, während sein Sohn Storey (Matthew Delamere) sich in Japan um die Pachinko-Spielsalons des Vaters kümmert. Der Tod seiner Ehefrau wirft Philip Emmenthal völlig aus der Bahn, und so übernimmt es der Sohn, dem Papa mit der Erweckung und Erfüllung seiner sexuellen Fantasien über den Verlust der Frau hinwegzuhelfen. Der erlebt auf seine alten Tage hin eine Art sexuelles Comeback.

Ganze Männer, halbe Frauen

Vater und Sohn pflegen nicht nur ein inzestuöses Verhältnis, sondern versammeln die Frauen um sich, die ihren Fantasien zu entsprechen scheinen. Zur Sekretärin der Emmenthals, Kito (Vivian Wu), und der pachinkosüchtigen Schuldnerin Simato (Shizuka Inoh) gesellen sich nach und nach noch fünfeinhalb andere weibliche Wesen und treten in die Dienste der Emmenthals. Da bilden im Weiteren das Dienstmädchen (Barbara Sarafian), eine Geisha (Kirina Mano), eine falsche Nonne (Toni Collette), eine reitsüchtige Pferdediebin (Amanda Plummer), eine Schwangerschaftssüchtige und eine Halbfrau (Manna Fujiwara) die Belegschaft des privaten Emmenthalschen Freudenhauses. Die Halbfrau ist das Geheimnis, der Halbkörper, der mit der Fantasie der Zuschauer spielt, durch sie erst ganz wird. Das Ausleben der sexuellen Fantasien wird den beiden Herren aber auf Zeit zu anstrengend, da die Frauen sich ihren vorgegebenen Rollen entziehen. Und so wollen Emmenthal senior und junior die Damen wieder loswerden. Eine nach der anderen verlässt die Szenerie mehr oder weniger freiwillig. Da werden Männerfantasien und weibliche Archetypen gleichermassen auf den Plan gerufen, um danach wieder verabschiedet zu werden. Nicht ohne Lustgewinn, versteht sich.

Schräg und skurril

Peter Greenaway ist mit «8½ Women» ein schräger Film mit skurrilen, wunderschönen Bildern voller Anspielungen auf Frauenfiguren aus der Film-, Kunst- und Kulturgeschichte gelungen, auch wenn es nicht sein bestes Werk sein mag. Aber das ist gar nicht so schlimm, denn «8½ Women» soll eigentlich nur eine Fingerübung für sein nächstes Werk sein. Nachdem im «Cärmersklooster» in Gent unter dem Titel «Peter Greenaway, artworks 63-99» auch die Zeichen- und Malkünste des Regisseurs einem breiteren Publikum vorgestellt worden sind Link), wagt der sich nun an die Verwirklichung des «Gesamtkunstwerkes».

Traditionelles und Neues

Die Entstehung des Multi-Media-Projektes kann auf dem Internet beobachtet werden (Link). «The Tulse Luper Suitcase» ist ein ebenso ambitioniertes wie viel versprechendes Projekt, will Greenaway doch mit Hilfe von fünf verschiedenen Medien ? Kino, Fernsehen, CD-Rom, Internet und Buch ? Altes und Neues, Traditionelles und Modernes miteinander verbinden. Umso mehr erstaunt es denn, dass in «8½ Women» nicht weitergeführt wird, was Greenaway mit «The Pillow Book», ja eigentlich schon mit «Prospero?s Books», begonnen hatte. Die hypertextuelle Verknüpfung von Filmbildern findet keine Fortsetzung. Der exzessive Umgang mit der Schrift ist, mindestens vordergründig, nicht mehr das Thema.

Fast scheint es, als wolle Greenaway dem traditionellen Kino nochmals ein Denkmal setzen, indem er eine Hommage auf einen der grössten Regisseure der Kinogeschichte, Federico Fellini, dreht und diese inhaltlich mit anderen Medien verlinkt. Denn welche Medien haben mehr zur Reproduktion des «Weiblichen» beigetragen als Literatur und Bild, gemalt ebenso wie fotografiert und gefilmt?

Regie Peter Greenaway
Buch Peter Greenaway
Kamera Sache Vierny Reinier van Brummelen
Produktion GB/NL/Lux/D 1999
Dauer 100 Min.
Genre Romance/Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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