Filmarchiv

Broken Flowers

Ein rosaroter Vaterschaftstest

Jim Jarmusch schickt Bill Murray auf die Suche nach einem verlorenen Sohn. Viel Hintersinn und sorgfältige Menschenbetrachtungen prägen die Fahrt.

Von Georges Wyrsch

Der Leisetreter des amerikanischen Independent-Films ist zurück – und er hat im ebenfalls ruhig gewordenen Bill Murray einen idealen Verbündeten gefunden. Nachdem Jim Jarmusch in seinem letzten veröffentlichten Opus «Coffee and Cigarettes» eine ganze Stange von Darstellerinnen und Darstellern an diversen Tischflächen paffen, nippen und schwafeln liess, erzählt er diesmal wieder eine längere Geschichte und begibt sich mit seiner Hauptfigur auf eine Reise durch Amerika.

Einem alternden Don Juan namens Don Johnston (Bill Murray) flattert eines Tages ein anonymer lila Brief ins Haus. Er sei vor etlichen Jahren Vater eines Sohnes geworden, heisst es da, aber die Geburt sei vor ihm geheim gehalten worden. Johnston selbst ist ratlos, aber Winston (Jeffrey Wright), ein Hobbydetektiv im Nachbarhaus, weiss Rat: Eine Liste der potenziellen Mütter muss her, zusammen mit Strassenkarten, viel guter Musik auf CD und etlichen Blumensträussen. Johnston setzt sich hinters Lenkrad und drückt im Verlauf des Films das Gaspedal und einige Türklingeln, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontieren werden.

Ein Reisender in Sachen Vaterschaft

Bereits seit einigen Jahren wählt sich der ehemalige Vollblutkomiker Bill Murray einen ganz bestimmten Rollentypus aus, wenn er sich diese Parts nicht gar auf den Leib schreiben lässt. Der Mittfünfziger scheint sich einer darstellerischen Askese verschrieben zu haben – mit wenig Text und kaum Bewegung gibt er meist desillusionierte, lakonische Männer, die als Ruhepunkt in einem mehr oder weniger hektischen Zeitbild auftreten.

In «Broken Flowers» ist das nicht anders – Don Johnston fährt Auto, hört Musik und steht ab und zu im Türrahmen einer ehemaligen Flamme. Einmal muss er erklären, dass er nicht in der Serie «Miami Vice» mitgespielt hat. Meistens hört er aber andern zu, stellt allenfalls tastende Fragen nach einem gemeinsamen Kind, macht von seinem Sessel aus runde Augen, um schon bald danach die Lider wieder zu senken.

Bill Murray beherrscht diese Kunst des passiven Spiels wie sonst kaum jemand, aber trotzdem stellt sich die Frage, wie oft er das nun noch tun will. Einen Film wie «Lost In Translation» hat Murray mit seiner verschlossenen Art noch bis zur Perfektion tragen können, aber langsam wirkt diese ergraute, undurchsichtige Charlie-Brown-Figur wie eine Masche, die ihrem Darsteller mit wenig Aufwand viel Ruhm einbringt. Daher kommt es sehr gelegen, dass ihm in «Broken Flowers» die weiblichen Counterparts (unter anderem Jessica Lange, Sharon Stone und Frances Colroy) sämtliche Arbeit abnehmen. Sie alle brillieren mit grossartigen Leistungen – nicht zuletzt, weil Jim Jarmusch ihnen tolle Texte geschrieben hat.

Ein Zuhörer in Sachen Kommunikation

«Broken Flowers» ist wie die meisten Jarmusch-Filme ein Werk, das sich vor allem denjenigen Zuschauern erschliessen wird, die gerne Menschen in ihren feinen Gefühlsregungen beobachten, und die sich auch mit solchen Anekdoten anfreunden können, die einen langen Anlauf brauchen, bis sie unterhaltsam werden.

Es gibt viel zu schmunzeln in «Broken Flowers», und für wache Geister gibt es auch viel zu erleben. Wohltuend ist dabei vor allem, dass sich Jarmusch nie auf eine bestimmte Art des Humors festlegen lässt. Eine ganz und gar unverdeckte Anspielung auf Nabokovs Lolita gönnt er sich genau so lässig wie einen irritierenden Vortrag über die unterschätzte Kommunikationsfähigkeit von Haustieren. Und so macht man im Kino manchmal runde Augen, um bald danach die Lider wieder zu senken – genau wie Bill Murray.

Regie Jim Jarmusch
Darsteller Bill Murray, Julie Delpy, Sharon Stone, Jessica Lange, Tilda Swinton
Buch Jim Jarmusch
Kamera Federick Elmes
Produktion USA 2005
Dauer 106 Min.
Genre Komödie
Offical Site http://www.brokenflowersmovie.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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