Filmarchiv

L’enfant endormi

Schlafes Schwestern

Das intime Porträt der Frauen eines kleinen marokkanischen Dorfes wurde in Fribourg ausgezeichnet.

Von Niklaus Schäfer

Die jung verheiratete Zeinab (Mounia Osfour) ist schwanger, ihr Mann verliess seine Heimat aber schon kurz nach der Hochzeit. Durch weisse Magie will sie die Geburt des Kindes um einige Monate hinauszögern. Nach marokkanischem Volksglauben kann ein ungeborenes Kind mehrere Monate im Bauch seiner Mutter schlafen. Der einzige Kontakt zu ihrem Mann sind die Video-Aufnahmen, die er aus Spanien schickt. Lesen und schreiben kann Zeinab nicht.

Yasmine Kassari debütierte vor vier Jahren mit dem Dokumentarfilm «Quand les hommes pleurent», in dem sie das Leben von marokkanischen Arbeitern in Spanien porträtierte. Nun hat sie sich dem Schicksal der in der Heimat zurückbleibenden Frauen gewidmet. «L’enfant endormi» ist ihr erster Spielfilm. Kassari ist ein intimes Porträt der zurückgebliebenen Frauen gelungen, das auch die Nöte und die mangelnden Perspektiven ihrer in der Fremde gestrandeten Männer nicht ausblendet.

«L'enfant endormi» ist ein feingliedriger Film, der – ähnlich wie andere nordafrikanische Filme wie «El Kotbia» und «Poupées d'argile» – denen eine Stimme gibt, die man normalerweise nicht hört. Als Kameramann konnte Kassari den Griechen Giorgos Arvanitis gewinnen, der bekannt ist für seine Zusammenarbeit mit Theo Angelopoulos. Die fragile Fotografie des Griechen ist ebenso persönlich wie die Geschichte selbst. Den Nordosten Marokkos, in dem «L'enfant endormi» spielt, kennt Yasmine Kassari sehr gut – sie hat nämlich dort als Kind jeweils ihre Ferien verbracht.

Diesen besonderen Bezug sieht man dem Film auch an. Kassari bringt viel Verständnis, auch Bewunderung für ihre Figuren auf. «Heute muss der Mann weggehen, sonst gilt er als faul», sagt sie. Die Frauen leiden unterdessen einerseits an ihrer Einsamkeit, andererseits haben sie mehr Freiraum. Der zu Hause gebliebene und deshalb stigmatisierte Amziane weiss auch, weshalb er nicht in den Westen gegangen ist. Er und die Frauen mögen zwar einsam sein und nur wenig Prestige geniessen in der patriarchalischen Gesellschaft, doch sie haben wenigstens ihre Heimat und bis zu einem gewissen Grad auch Freiheit.

Regie Yasmine Kassari
Darsteller Rachida Brakni, Mounia Osfour, Aïssa Abdessamie
Buch Yasmine Kassari
Kamera Giorgos Arvanitis
Produktion Marokko, Belgien 2004
Dauer 95 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.trigon-film.org/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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