Filmarchiv

Im Leben und über das Leben hinaus

Täuferwelten

Mennoniten uncut: Peter von Guntens an sich interessanter Dokumentarfilm hat offenbar den Schneidetisch nie gesehen.

Von Niklaus Schäfer

Die Bewegung der Täufer ist im 16. Jahrhundert als Teil der Reformation entstanden. Doch schon bald wurden die Täufer verfolgt, und es kam zu ersten Todesurteilen – besonders in Bern. In seinem Dokumentarfilm «Im Leben und über das Leben hinaus» porträtiert der Schweizer Regisseur Peter von Gunten die evangelische Mennonitengemeinde auf dem Sonnenberg im Jura und Mennoniten und Amische in Berne, Adams County, Indiana, USA. Es ist ein Bild einer aussterbenden Gemeinschaft in den USA, die die Schweizer Wurzeln mit scheinbar absurden Umzügen feiert – die wohl deshalb so absurd erscheinen, weil sie durch und durch amerikanisch sind und mit der Schweiz nichts zu tun haben. In der Schweiz hingegen, auf dem Sonnenberg, steht ganz der gelebte Glaube im Mittelpunkt: Die Jungen würden gern in die Disco gehen, die Ältesten sind aber dagegen, so gibt es eben stattdessen eine Disco in der Kirche.

Jüngere Mennoniten aus Berne kommen im Film nicht vor – doch es bleibt bis am Schluss völlig unklar, ob es gar keine jungen Mennoniten gibt in Berne, oder ob von Gunten nur deshalb im Altersheim gefilmt hat, weil er eine Dreherlaubnis hatte. Interessant ist immerhin der Zwiespalt, mit dem US-Mennoniten die Politik George W. Bushs bewerten. Völlig unmotiviert erscheint hingegen das Interview mit einem amischen Paar, das von der Gemeinschaft ausgestossen wurde. Sicherlich, Mennoniten und Amische, deren Name auf einen besonders strengen Täufer namens Jakob Amman verweist, verbinden ihre gemeinsamen Wurzeln, der Gewaltverzicht, der Bezug auf die Bibel, die Nachfolge Christi, das bescheidene Leben, die Trennung von Religion und Staat. Von Guntens Film zeigt zwar, wie sich im Heimatland einer Bewegung ebendiese weiterentwickelt, während sie in der Diaspora oder der Kolonie stehen bleibt – bei den Amischen wie auch bei den Mennoniten in Berne. Man hat sogar das Gefühl, dass in den USA mennonitische Werte zum Teil durch ethnische Solidarität ersetzt wurden. Trotzdem: von Guntens Film hat keine These. Zudem fehlt der Mut zum Weglassen. Weniger wäre hier ganz klar mehr gewesen.

Regie Peter von Gunten
Kamera Peter Guyer, Peter von Gunten, Dieter Fahrer
Produktion Schweiz 2005
Dauer 150 Min.
Genre Dokumentarfilm
Offical Site http://www.artifar.com/clients/vogu/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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