Filmarchiv

My Summer of Love

Tamsin, die Zweiflerin

Ein Film über eine Mädchenfreundschaft, Klasse und Fundamentalismus – traurig und witzig.

Von Niklaus Schäfer

Mona lebt in einem kleinen Dorf in Yorkshire. Ihr Bruder, ein ehemaliger Kleinkrimineller, hat Jesus gefunden und den Familienpub in eine Stätte des Gebets umgewandelt. Als ihr Freund, der verheiratete Ricky, sie verlässt, sucht sie Tamsin auf, ein Mädchen aus der Oberschicht, das die Ferien in der Provinz verbringen muss. Zwischen den zwei jungen Frauen entwickelt sich eine tief empfundene Liebe, jenseits von den Konventionen und Zwängen der Gesellschaft.

Die britische Gesellschaft wird oft als Klassengesellschaft beschrieben, was sich durchaus deckt mit den Erfahrungen der Briten selbst. Viele Filmemacher, vor allem aus dem Independent-Bereich, widmen sich auch heute noch diesem urbritischen Thema. «My Summer of Love» ist aber nicht nur die Geschichte der als schicksalhaft empfundenen Klassengesellschaft, sondern auch die Geschichte von Bruder und Schwester und ihrer Entfremdung. Es ist die Geschichte eines Mädchens aus der Unterschicht, das vom Fundamentalismus ihres Bruders ebenso enttäuscht wird wie von der Oberschicht, die keinen Platz lässt für die Träumereien der Unterschicht. Der Name Tamsin wurde dabei nicht zufällig gewählt: Tamsin ist eine weibliche Form des Namens Thomas, die aus dem Mittelalter stammt. Wie Thomas, der Zweifler aus dem Neuen Testament, glaubt auch Tamsin nicht wirklich an die Botschaft der Freiheit – gemeint ist hier allerdings nicht die christliche Freiheit, sondern die Liebe zwischen Tamsin und Mona. Nicht zuletzt ist Tamsin ein Name, der lange Zeit nur in Cornwall üblich war – die geografische Distanz innerhalb Englands zu Mona könnte nicht grösser sein.

Dem polnischstämmigen Regisseur Pawel Pawlikowski («The Last Resort») kommen diese zeitlosen Themenkreise dabei sehr entgegen. «Zeitgenössische Menschen interessieren mich nicht sehr», sagt er. Er mache Filme vor allem deshalb, um wegzukommen von dieser Realität. Auch verwendet Pawlikowski keine zeitgenössische Musik – Tamsin hört Edith Piafs Version von «Que nadie sepa mi sufrir», keine moderne Pop-Musik. Trotzdem ist «My Summer of Love» ein hochaktueller Film.

Regie Pawel Pawlikowski
Darsteller Natalie Press, Emily Blunt, Paddy Considine, Dean Andrews, Kathryn Summer, Michelle Byrne, Lynette Edwards
Buch Pawel Pawlikowski, Michael Wynne, nach Helen Cross’ Roman
Kamera Ryszard Lenczewski, David Scott
Produktion Grossbritannien 2004
Dauer 86 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.mysummeroflovemovie.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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