Filmarchiv

Koktebel

Russische Reise in die Peripherie

Nach «The Return» setzt sich ein weiterer russischer Film mit einer Vater-Sohn-Beziehung auseinander – ein klassisch inszeniertes Debüt der jungen Regisseure Boris Khlebnikov und Aleksei Popogrebsky.

Von Niklaus Schäfer

Vater und Sohn sind auf der Reise von Moskau nach Koktebel, an der Krim, in der Ukraine. Der Vater hat seinen Job als Ingenieur verloren, die Mutter ist gestorben. Bei der Schwester in der Provinz will sich der Vater wohl eine neue Existenz aufbauen. Doch die Reise ist mit vielen Hindernissen verbunden: Einerseits müssen die zwei Geld verdienen, um ihre Reise zu finanzieren, andererseits zwingt sie das raue Wetter, ab und zu einen Zwischenstopp einzulegen. Zuerst nimmt sie ein freundlicher Mitarbeiter der Bahn auf, später treffen sie auf den Alkoholiker und Hausbesitzer Mikhail, der den Vater zum Wodka-Konsum verleitet. Schliesslich kommt es zur Katastrophe; Vater und Sohn müssen flüchten. Eine junge Ärztin namens Ksenia nimmt die zwei auf – der Vater verliebt sich. Der 11-jährige Sohn ist darüber nicht glücklich und macht sich allein auf den Weg nach Koktebel, das auch als Planerskoye bekannt ist.

Wie schon «The Return» von Andrei Zvyagintsev ist auch «Koktebel» ein Film über eine problematische Vater-Sohn-Beziehung. Während aber «The Return» die Autorität des Vaters eher unreflektiert verherrlichte und beinahe ins Religiöse überhöhte, zeichnen die zwei jungen Regisseure Boris Khlebnikov und Aleksei Popogrebsky in ihrem Debütfilm ein differenzierteres Bild von Vater und Sohn.

Back to the Future

Zugegeben: auch der Vater in Zvyagintsevs Film wird ziemlich ambivalent gezeichnet, und während der jüngere Sohn in «The Return» gar nicht verreisen will, ist es in «Koktebel» der Sohn, der an die Peripherie der UdSSR, in die heutige Ukraine gehen will. Dass die Tante gar nicht mehr in Planerskoye lebt, ist dabei wenig überraschend – längst vergangen sind die Tage, als die Stadt am Meer mit sowjetischem Segelflug auf sich aufmerksam machte. Inzwischen ist daraus ein gewöhnliches Ferienziel geworden; nicht unbedingt ein Ort also, an dem Vater und Sohn sich eine neue Existenz aufbauen können. Die Ambivalenz der Vaterfiguren weicht aber letztlich in beiden Filmen der Bewunderung, die sich wohl auch in der Nähe zu Übervater Tarkovsky äussert.

«The Return» war ein Schwanengesang auf das verflossene Reich – «Koktebel» ist eine realistischere Vision eines neuen Russlands. Während «The Return» in der Vergangenheit stehen blieb und den Vater gar den Opfertod sterben liess, ist «Koktebel» eine hoffnungsvolle filmische Erzählung über das heutige Russland. Auch stilistisch haben sich Khlebnikov und Popogrebsky dabei weiter entfernt von den grossen Vorbildern: «Wir wollten zahlreiche statische, unaufdringliche Einstellungen verwenden, die von selbst lebendig werden sollten, so wie das manchmal in Dokumentarfilmen geschieht», sagt das junge Regie-Duo. Der Faszination der russischen (Film-)Geschichte, die am stärksten wohl in Aleksandr Sokurovs «Russian Ark» zum Ausdruck kam, können sich aber auch Khlebnikov und Popogrebsky nicht entziehen. Trotzdem: Am Schluss finden sich Vater und Sohn im von der Tante verlassenen Koktebel. Sie wissen aber, das sie bei Ksenia, der Fremden, ein neues Heim gefunden haben.

Regie Boris Khlebnikov, Aleksei Popogrebsky
Darsteller Gleb Puskepalis, Igor Tshernyevitsh, Evgenii Sytyi, Vladimir Kutsherenko, Agrippina Steklova, Aleksandr Ilyin, Anna Frolovtseva
Buch Boris Khlebnikov, Aleksei Popogrebsky
Kamera Shandor Berkeshi
Produktion Russland 2003
Dauer 105 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.xenixfilm.ch/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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