Filmarchiv

Exils

Reise in die Vergangenheit

Roma-Regisseur Tony Gatlif rät Frankreich zu einer esoterischen Reinigung – mit unwiderstehlichem Soundtrack.

Von Niklaus Schäfer

Zano und Naïma sind ein Paar, das nicht nur die Liebe, sondern auch seine Wurzeln miteinander verbindet. Zanos Eltern waren pieds-noirs, die aus Algerien flüchten mussten. Naîmas Vater war Algerier, der seine Heimat ebenfalls aus politischen Gründen verlassen musste. So bitter waren die Erinnerungen an die Heimat, dass der Vater mit seiner Tochter nie arabisch sprach.

Eines Tages kommt Zano auf die Idee, mit Naïma nach Algerien zu reisen. Naïma ist zwar zuerst skeptisch, willigt aber dann doch ein. Eine Reise, die sie zuerst nach Spanien führt, nimmt ihren Anfang.

Schon «Swing», der im Elsass spielte, zeigte, dass sich der in Algerien geborene Gatlif auch sehr für die Geschichte seiner neuen Heimat interessiert. «Swing» widmete sich der Idee der Toleranz zwischen Roma, Franzosen, Juden und Arabern. Gatlifs neuer Film handelt von der kolonialen Vergangenheit Frankreichs und den düsteren Seiten der postkolonialen Geschichte Algeriens. Naïma fühlt sich in Frankreich ebenso fremd wie in Algerien: «Ich bin überall eine Ausländerin», sagt sie. Musik sei seine Religion, sagt Zano. Und durch eine musikalische Trance-Erfahrung finden die zwei Fremden aus Frankreich in Algerien einen Weg, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Zanos Grossvater war dabei kein Kolonialist, sondern ein Humanist – diese Figur, die im Film nur in der Erinnerung Zanos vorkommt, ist Tony Gatlifs Tribut an den Lehrer, der seine Begeisterung für das Filmschaffen geweckt hat. Die Wohnung von Zanos Grosseltern hat die algerische Familie, die nun dort lebt, denn auch unverändert übernommen.

Ähnlich wie «Diarios de Motocicleta» vergleicht der Film darüber hinaus die Reise von zwei Privilegierten, die nur reisen um des Reisens willen, mit dem Reisen derjenigen, die auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben sind.

Die Filmmusik, die von Gatlif und Delphine Matoulet stammt, wurde mit dem César ausgezeichnet. In Cannes erhielt Gatlif zudem den Regiepreis. Das verwundert, denn als Film war «Swing» eine besser abgerundete Sache. Dafür ist «Exils» trotz der etwas überlangen und verklärenden Trance-Sequenz ein höchst interessanter Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der französischen Geschichte.

Regie Tony Gatlif
Darsteller Romain Duris, Lubna Azabal, Leila Makhlouf, Habib Cheik, Zouhir Gacem, Hassan Nabet
Buch Tony Gatlif
Kamera Céline Bozon
Produktion Frankreich 2004
Dauer 104 Min.
Genre Drama, Musikfilm
Offical Site http://www.pyramidefilms.com/exils/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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