Filmarchiv

A Dirty Shame

Sexuelle Befreiung

Trash-Papst John Waters kehrt zurück mit einer Satire auf asexuelle Jesus-Freaks.

Von Niklaus Schäfer

«Threatening the very limits of common decency», so lautet die Tagline des neuen John-Waters-Films. Selma Blair hat als Caprice Stickles so grosse Brüste, dass ihr Pseudonym Ursula Udders nicht übertrieben erscheint. Ihre Mutter wird dargestellt von Tracey Ullman, die als Sylvia Stickles eine sexuelle Erleuchtung hat, welche ihren Mann (Chris Isaak) sehr verwirrt. Zusammen mit der Schwiegermutter Big Ethel (Suzanne Shepherd) geht er auf einen moralischen Kreuzzug. Caprice allerdings ist froh, dass Ray-Ray Perkins (Johnny Knoxville) die Sexualität ihrer Mutter ans Licht gebracht hat.

John Waters kämpft mit seinen Filmen schon lange für ein liberaleres Amerika. «A Dirty Shame» ist nicht zuletzt eine liebevolle Abrechnung mit bibeltreuen, sexfeindlichen Evangelikalen. Durch die Überzeichnung sowohl der Evangelikalen als auch der Sexsüchtigen signalisiert Waters allerdings, dass keine der Seiten Recht hat.

Nach den Pseudo-Biopics «Pecker» und «Cecil B. Demented» kehrt Waters zu seinem Kerngeschäft zurück: dem trashigen Familiendrama. Ähnlich wie in «Polyester» wird auch hier ein Generationenkonflikt auf unkonventionelle Weise gelöst – Sylvia Stickles wird sexsüchtig und versteht so zum ersten Mal ihre Tochter. In «Polyester» wurde durch den Tod des untreuen Vaters und die Umerziehung der Kinder die Familie wieder eins und glücklich; hier hat Waters das Prinzip quasi umgekehrt: Nicht eine Überzeichnung von melodramatischen Regeln, sondern vielmehr deren Umkehrung im Geiste von Sexploitation- und Aufklärungsfilmen ist es, die hier zum Seelenheil aller Protagonistinnen und Protagonisten führt. Dazu passen auch die Songs aus den 50er-Jahren, versehen mit neuen, anzüglichen Texten.

Dass der Kritiker Roger Ebert, der selbst für das Drehbuch eines Films von Busenwunder-Regisseur Russ Meyer verantwortlich zeichnete, «A Dirty Shame» nur einen Stern gab, zeigt, dass Waters auch heute noch provoziert – auch wenn der Bürgermeister von Baltimore, wo die meisten Waters-Filme spielen, den 7. Februar zum Waters Day ernannte.

Regie John Waters
Darsteller Tracey Ullman, Selma Blair, Johnny Knoxville, Chris Isaak, Suzanne Shepherd, Mink Stole
Buch John Waters
Kamera Steve Gainer
Produktion USA 2004
Dauer 89 Min.
Genre Komödie, Satire
Offical Site http://www.adirtyshamemovie.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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