Filmarchiv

Anlat Istanbul

Singe mir, Muse ...

Fünf Regisseure versetzen europäische Märchen und Fabeln ins heutige Istanbul.

Von Niklaus Schäfer

Vom türkischen Filmschaffen war hierzulande lange nicht viel zu sehen. Doch nun geht es Schlag auf Schlag – kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neuer türkischer Film in die Kinos kommt. Diese türkische Filmoffensive gehört wohl nicht zuletzt zu den Bemühungen der Türkei, den Anschluss an Europa – vor allem natürlich die EU – zu finden. Dabei sind diese Filme – mal abgesehen von rein kommerziellen Streifen wie «G.O.R.A.» – durchaus nicht unkritisch und schrecken auch vor unkonventionellen Happy Endings («Egreti Gelin») und musikalischen Darbietungen in kurdischer Sprache («Gönul Yarasi») nicht zurück.

Auch in «Anlat Istanbul» kommt ein Kurde vor, der kaum Türkisch spricht und in Istanbul von einem Geist ausgerechnet mit einem türkischen Offizier verwechselt wird. Doch das ist nur eine Episode in diesem vielschichtigen Märchenfilm für Erwachsene, in dem europäische Märchen- und Sagenfiguren in türkischem Gewand erscheinen.

Nach dem Motto «the more the merrier» haben sich für «Anlat Istanbul», zu Deutsch «Erzähle Istanbul», fünf Regisseure zusammengeschlossen. Ümit Ünal, der auch für das Drehbuch zu diesem Opus magnum verantwortlich zeichnet, hat die Regie beim Rattenfänger von Hameln übernommen, Kudret Sabanci bei der Bearbeitung von Schneewittchen; Selim Demirdelen hat Aschenbrödel und Yücel Yolcu Dornröschen neu bearbeitet. Ömür Atay schliesslich hat Rotkäppchen nach Istanbul versetzt. Diese Fülle von Regisseuren und Episoden macht zwar den Charme des Films aus, andererseits fehlt es ihm etwas an Fokussiertheit. Auch sind die Figuren, vor allem der schwule Mimi, etwas allzu klischiert gezeichnet. Doch das tut dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch – «Anlat Istanbul» ist ein unterhaltsamer Film mit bezauberndem Charme.

Dass Ünal gerade europäische Märchenstoffe ins heutige Istanbul versetzt, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch auch wenn der Papst die Türkei allein dem Nahen Osten zuschlagen will: die Türkei gehört ebenso sehr zu Europa wie zur islamischen Welt.

Regie Selim Demirdelen, Kudret Sabanci, Ümit Ünal, Yücel Yolcu, Ömür Atay
Darsteller Ahmet Mümtaz Taylan, Azra Akin, Altan Erkekli, Özgü Namal, Çetin Tekindar, Mehmet Günsür
Buch Ümit Ünal
Kamera Mehmet Aksin
Produktion Türkei 2005
Dauer 100 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.anlatistanbul.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

Zurück



Top   Druckversion   Seite als Hotlink speichern
Meine Seitenbewertung