Filmarchiv

25 degrés en hiver

Ein belgisches Wunder

Stéphane Vuillets Roadmovie um einen allein erziehenden Familienvater, seine Tochter, seine Mutter und eine illegale Immigrantin aus der Ukraine ist eine berührende und temporeiche Komödie.

Von Niklaus Schäfer

Miguel (Jacques Gamblin aus «Laissez-passer») ist frankophoner Belgier mit spanischen Wurzeln und allein erziehender Vater. Seine Brötchen verdient er mit Schwarzarbeit – für seinen eigenen Bruder Juan, dem ein Reisebüro gehört. Wieder hat Miguel verschlafen; er muss sein Kind, die kleine Laura (Raphaëlle Molinier), in die Schule bringen und flüchtet zugleich wie immer vor seinem tyrannischen Vermieter. Da trifft er die illegale ukrainische Immigrantin Sonia (Ingeborga Dapkunaite), die wie er auf der Flucht ist.
«25 degrés en hiver» ist Stéphane Vuillets Debüt – und ein Bijoux von einem Film. In Berlin konnte er sich spielend gegen «Just a Kiss» und «Gegen die Wand» durchsetzen und erhielt den grossen Publikumspreis. Vuillets Film verbindet ernste Themen wie Schwarzarbeit und illegale Immigration mit einer komödiantischen, oft sogar märchenhaften Art – das Happy End ist gewiss, und Real Madrid gewinnt gegen Barça 4:0, genau wie in Miguels Traum.

Gemeinsamkeiten und Happy End

Besonders hoch anzurechnen ist es Vuillet und seinen Ko-Autoren, dass es ihnen gelingt, Gemeinsamkeiten zwischen Illegalen und Legalen aufzuzeigen: Der Bruder Juan oder die flämischen Köche, die wir auf der Suche nach Sonias Mann kennen lernen, leben ebenso in steter Angst vor den Behörden wie Sonia. Zugegeben, Miguels Flucht vor seinem Vermieter ist vielleicht selbst verschuldet, da er einen doch sehr unzuverlässigen Eindruck macht – was einiges zur Komik des Films beiträgt. Zugleich sind es Menschen wie Miguels eigener Bruder oder der vom bekannten flämischen Schauspieler Josse da Pauw («Everybody Famous!») dargestellte Heimleiter oder auch Miguels Vermieter, die von der Not anderer Menschen profitieren und sie illegal beschäftigen – obwohl zumindest Juan ein Secondo ist. Dieser Parallelismus durchzieht den ganzen Film und führt schliesslich auch zum Happy End.
So wie Miguel und die kleine Laura von der Mutter, die in den USA eine Karriere als Musikerin verfolgt, verlassen wurden, so hat auch Sonias Ehemann in Belgien eine neue Familie gefunden. Sogar Sonias Protestieren gegen die (falsche) Behauptung, sie sei Russin, findet in Miguels gegen Barça und die Katalanen gerichtetem spanisch-kastilischen Patriotismus eine Parallele.

Mit Sympathie, aber nicht unkritisch

Last but not least bildet Carmen Maura («Ay, Carmela», «Mujeres al borde de un ataque de nervios») als sehr energetische und ebenso konservative Abuelita (Grossmütterchen) einen amüsanten Gegenpol zu ihrem Sohn Miguel, der sich als Kind geweigert hat, spanisch zu sprechen – deshalb war es auch eine gute Idee, die Rolle mit dem an sich nicht spanischsprachigen Gamblin zu besetzen. Und doch flucht Miguel dauernd auf Spanisch. Sein Bruder wiederum lässt sich im Torero-Kostüm ablichten, um mehr Kunden anzulocken.
«25 degrés en hiver» ist eine temporeiche Komödie mit Tiefgang, die mit viel Liebe zu ihren Figuren aufwartet, aber nie unkritisch ist – aber auch nie verurteilt. Die belgische Filmkommission wollte, dass Vuillet die Rolle der Sonia aus dem Film streicht, doch der Regisseur baute sie noch aus – eine weise Entscheidung.

Regie Stéphane Vuillet
Darsteller Carmen Maura, Jacques Gamblin, Ingeborga Dapkunaite, Raphaëlle Molinier
Buch Stéphane Vuillet, Pedro Romero, Stéphane Malandrin
Kamera Walther Vanden Ende
Produktion Belgien, Frankreich, Russland 2004
Dauer 90 Min.
Genre Komödie, Drama, Roadmovie
Offical Site http://www.lesfilmsdusafran.fr/25degres.htm

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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