Filmarchiv

Extraño

Mann ohne Eigenschaften

In Santiago Lozas Debütfilm geht es um einen Mann, der sich von der Welt verabschiedet hat.

Von Niklaus Schäfer

Der etwa 40-jährige Axel ist Chirurg, praktiziert aber nicht mehr. Er lebt bei seiner Schwester, die allein erziehende Mutter ist. Eines Tages trifft er in einem Café eine schwangere Frau. Die beiden haben eine Affäre. Als die junge Frau Axel aber fragt, ob er wissen wolle, wer sie geschwängert habe, winkt er ab.
Der Film heisst «Extraño», und «extraño» ist spanisch für «fremd, sonderbar, seltsam». Bei aller Nähe zu seiner Schwester und zur Geliebten bleibt Axel denn auch unfassbar in seiner Gleichgültigkeit. Sein Name, Axel, ist die dänische Form von Absalom; der Name ist auch in den USA nicht unüblich – in Argentinien aber haftet ihm sicherlich etwas Fremdes an.
Der Arbeitstitel des Films war «grieta» – zu Deutsch «Spalte, Riss oder Hautriss». Ein Riss zieht sich offenbar durch Axels Leben; der Riss mag auch auf den Chirurgen verweisen, der einen Riss benötigt, um den Menschen zu operieren. Auch formal kommt «Extraño» so filigran daher wie ein Riss in der Haut – die Langsamkeit des Films, die schönen Bilder auch mögen in ihrer Ruhe die einen abschrecken, andere mögen aber gerade darin eine Qualität des Films entdecken.
Im jüngeren argentinischen Filmschaffen kommt immer die Krisenhaftigkeit zum Ausdruck. Dargestellt wird Axel von Julio Chávez, der in «Un oso rojo» einen Familienvater am Rande des Nervenzusammenbruchs gespielt hat. Während aber Oso (der Bär) in «Un oso rojo» seine kriminelle Energie zum Besten kanalisiert und so die Zukunft für sein Kind, seine Frau und ihren Liebhaber sichert, lebt Axel in den Tag hinein – ähnlich wie die Menschen in «Los guantes mágicos», die sich am Schluss in dumpfer Partyseligkeit betäuben.
Die Gleichgültigkeit mag vielen als letzte Hoffnung erscheinen in einem reichen Land, das von den Politikern völlig heruntergewirtschaftet wurde. Zugleich ist Axels Flucht in eine tief empfundene Selbstgenügsamkeit möglicherweise auch nur vorübergehend – der Film endet mit einer Geburt, vielleicht auch Axels eigener Wiedergeburt.
«Extraño» wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Tiger Award in Rotterdam und dem New Cinema Award in Buenos Aires.

Regie Santiago Loza
Darsteller Julio Chávez, Valeria Bertuccelli, Raquel Albéniz, Chunchuna Villafane
Buch Santiago Loza
Kamera Willi Behnisch
Produktion Argentinien 2002
Dauer 87 Min.
Genre Liebesfilm
Offical Site http://www.trigon-film.org/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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