Filmarchiv

Barb Wire

Stacheldraht-Barbie in Lederklamotten

Seit sie als Rettungsschwimmerin in der TV-Kindersendung «Baywatch» im Einsatz ist, möchten Millionen von Männern das Schwimmen verlernen. Nun gibt die fleisch- und silikongewordene Barbiepuppe ihr Leinwanddebüt: eine Comicverfilmung von erdrückender Einf

Von Frank Götz

In diesem Film dreht sich alles um zwei Körperprothesen: ein Paar Spezial-Kontaktlinsen, was denn sonst. Im futuristischen Polizeistaat nämlich, den «Barb Wire» evoziert, sind solche Dinger überlebensnotwendig, denn sie verdecken die registrierten Augenmerkmale, die es von jedem Bürger gibt. Nicht weniger wichtig ist freilich Pamela Anderson-Lee, darf sie sich doch in eine Kollektion von schwarzen Lederkostümen zwängen, die allesamt mindestens zwei Nummern zu klein sind. So beweist sie, dass man auch mit Bleistiftabsätzen und einer kecken Stacheldraht-Tätowierung noch sprinten kann, wobei das Make-up, das sie unter ihrer blonden Zottelmähne trägt, so dick aufgetragen wurde, dass es ein differenziertes Mienenspiel wohl verunmöglicht.

Amazone mit Mission

Macht aber nix, schliesslich ist Pamela ja die Heldin einer Grunge-Comicverfilmung - und wie die Geschichte konstruiert ist, scheint ein Mienenspiel ohnehin nicht gefragt zu sein. Als schiesswütige Amazone rotzt sie sich vielmehr durch eine Rebellenstory, die ungefähr so viel Nährwert hat wie ein leergefressener Popcorn-Kübel. Eigenartig, dabei wird ihre Figur im Presseheft gerade als «Frau von hoher Moralität in einer Welt des übelsten Abschaums» beschrieben; tatsächlich aber hat man den Eindruck, als ob sie mit Barbie oder Barbarella oder Bardot verwechselt werden wollte.

Schon in der Titelsequenz legt sie eine freizügige Go-go-Nummer aufs Parkett; doch was dann, wenn man noch neunzig Minuten ausharren muss? Keine Angst, denn der einstige Kameramann David Hogan («Alien 3», «Batman Forever») wird sich für sein Regiedebüt schon was einfallen lassen - und so macht er mit viel Rockmusik und wenig Drehbuch aus der anfänglichen Nachtclub-Besitzerin eine harleyfahrende Widerstandskämpferin. Damit ist aber Pamelas Darstellertalent auch schon ausgereizt, und wenn sie nicht gerade irgendwelche Macker verhaut oder schaumversunken in der Badewanne liegt, muss sich ihr Regisseur halt anderswohin umsehen.

Trash-Qualitäten

Deshalb sind es die übrigen Figuren, welche die Handlung zu tragen haben, und so finden wir gar manch passablen Mimen, der in einer miesen Rolle verheizt wird. Temuera Morrison etwa, der grandiose Maori-Macho aus «Once Were Warriors», kann hier als Barbs ehemaliger Liebhaber durch postindustrielle Schrott-Kulissen robben, derweil Victoria Rowell seine jetzige Ehefrau spielt: Sie ist es, die als verfolgte Regimegegnerin jene Wunderlinsen benötigt, um unerkannt die Grenze nach Kanada passieren zu können. Und was dann die Schurken betrifft, so wackeln diese nach dem zweiten US-Bürgerkrieg ausgerechnet in Nazi-Klamotten herum.

Keine Frage: «Barb Wire» ist ein B-Film - eine hanebüchene, aus allerhand Klischees und billigen Action-Versatzstücken zusammengebastelte Hochglanzschwarte, die sich aus unerfindlichen Gründen auch ins reguläre Kinoprogramm verirrt hat. Na und? Es wäre jedenfalls müssig, den Filmemachern das noch vorzuwerfen, zumal sie offenbar genau das machen wollten. Weshalb sich alle Comic-Freaks, Trash-Junkies und unheilbare Pamela-Anderson-Fans die Sache auch nicht entgehen lassen werden, hat der Streifen doch einige gelungene, weil unaufdringlich schräge «Casablanca»-Reminiszenzen zu bieten.

Regie David Hogan
Buch Chuck Pfarrer, Ilene Chaiken
Kamera Rick Bota
Musik Michel Colombier
Produktion USA 1996
Dauer 98 Min.
Genre Action / SciFi

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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