Filmarchiv

Collateral

Driving Mister Vincent

Tom Cruise ergänzt sein Rollenspektrum mit der Figur eines psychopathischen Killers.

Von Georges Wyrsch

Der Name Michael Mann ist bei weitem nicht nur derjenige eines Regisseurs. Michael Mann ist ein Markenzeichen geworden, untrennbar vom einstigen Erfolg der Fernsehserie «Miami Vice» und ihrer Vermischung von aktueller Mode mit ästhetisierter Gewalt. Michael Mann war es, der in den Achtzigern dem so genannten «Film noir» befremdliche Pastelltöne aufsetzte und damit den Mut hatte, brutale Krimis zu verkaufen wie die schicksten Werbespots.
Auch heute noch hat ein Film von Michael Mann mehr mit Mode als mit übergreifender Stilsicherheit zu tun. In «Collateral» hat Tom Cruise weisse Haare und spielt Vincent, einen äusserst beredten Auftragskiller, der sich einen unschuldigen Taxifahrer – gespielt von Jamie Foxx – mietet, um sich von einer nächtlichen Tötungsaktion zur nächsten chauffieren zu lassen. Der Spannungsbogen verläuft demgemäss entlang der Frage, wann endlich der Cabdriver von der Geisel zum Helden mutiert.
Wie gehabt ist nichts von alledem realistisch. Das Umbringen von Leuten ist hier nicht eine Frage der Moral, sondern eine Frage der Effizienz, und natürlich der Coolness. Die dabei ausgesprochenen Sätze sind nicht Sätze der Bedrohung oder Verzweiflung, sondern der Spitzfindigkeit. Es beschleicht einen als Zuschauer schon fast das Gefühl, Michael Mann wolle sich hier ein Territorium zurückerobern, das ihm Quentin Tarantino seit langer Zeit mit «Pulp Fiction» abspenstig gemacht hat.
Man beachte allein die musikalische Unterlegung von «Collateral». Bevor die eigentliche Handlung einsetzt, haben sich im Verlauf weniger Minuten bereits mehr als fünf Musikstile die Tonspur geteilt. Später stellt sich heraus, dass der Killer Vincent gerne guten alten Jazz hört und Miles Davis verehrt. Aus beruflichen Gründen versteht sich, aber trotzdem, oder gerade deswegen: Jazz muss wieder cool sein.
Michael Mann hakt nach, mit einer ausgeklügelten Schiesserei, die er visuell nach allen Regeln und Nicht-Regeln des Jazz filmt – wobei zu diesem Zeitpunkt auf der akustischen Ebene nur noch die abgegebenen Schüsse und die Schreie an den freien Musikstil erinnern.
Tom Cruise erweist sich in diesem Zusammenhang als Idealbesetzung: Seine physische Eleganz und sein völliger Verzicht auf mimische Introspektion haben selten mehr Sinn gemacht als in diesem normierten Studioprodukt, das vorgibt, frei zu sein.

Regie Michael Mann
Darsteller Tom Cruise, Jamie Foxx, Mark Ruffalo, Javier Bardem
Buch Stuart Beattie
Kamera Dion Beebe, Paul Cameron
Produktion USA 2004
Dauer 120 Min.
Genre Thriller
Offical Site http://www.collateral-themovie.com/home.php

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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