Filmarchiv

L’histoire de Marie et Julien

Geheimnisvolles Liebesband

Jacques Rivettes neuer Film ist ein Meisterwerk kinematographischer Erzählkunst.

Von Jana Ulmann

Der Cineast Jacques Rivette hat ein altes Filmprojekt aus den Siebzigerjahren wieder aufgenommen. Die als Tetralogie geplanten «Scènes de la vie parallèle» thematisieren die Begegnungen von Sterblichen mit Unsterblichen und schaffen damit jeweils eine ganz eigene mythologische Welt. Mit seinem neuesten Werk ergänzt Rivette die beiden schon in diesem Rahmen geschaffenen Filme «Duelle» und «Noroît» zur Trilogie.
Wie der Titel des Zyklus es erwarten lässt, kommt das Übersinnliche auch in diesem Teil nicht zu kurz. Der Plot wird, ganz in rivettescher Manier, auf vertrackte Weise erzählt und unlinear aufgerollt, so dass der Zuschauer nicht umhin kommt, seinen eigenen Spürsinn in Gang zu setzen. Entsprechend wird das Zusammenfügen der einzelnen Erzählstränge, das Austüfteln eines Sinn machenden Plots, zu einem magischen Kinoabenteuer und zu einer kriminalistischen Spurensuche, die mit dem Genre des Thrillers mindestens kokettiert.
Rivette verführt sein Publikum regelrecht dazu, an die Existenz des Übersinnlichen zu glauben, will es den Glauben an eine funktionierende Handlung nicht preisgeben. Die Geschichte lässt sich in letzter Konsequenz, mindestens nach einer erstmaligen Betrachtung, nicht ohne bestimmte Setzungen und Auslassungen nachvollziehen. Ein paar Geheimnisse werden nicht gelüftet und mehrere Deutungen sind zulässig.
Erzählt wird eine eigentliche «amour fou». Die Liebesgeschichte zwischen Julien (Jerzy Radziwilowicz), einem Mann in den mittleren Jahren, der für seine Uhrmacherkunst bekannt ist, und Marie, einer jungen, geheimnisvollen Frau (Emmanuelle Béart), ist ebenso erotisch wie düster-melancholisch. Als zentrales Motiv fungiert der Wiedergänger, ein Motiv, das das Unheimliche in einem zu Beginn völlig undurchsichtigen Netz von Begegnungen und Beziehungen ausmacht. Rivettes Bildwelten versetzen in einen traumwandlerischen Zustand. Sie sind ausgeklügelt, detailversessen und mit Metaphern, Symbolen und mythischen Sprengseln durchsetzt – daran kann man sich kaum satt sehen. Das liegt nicht zuletzt auch an der Ausstattung der Räume, die in einem raffinierten Manöver einen wesentlichen Part im Ablauf der Handlung übernimmt.

Regie Jacques Rivette
Darsteller Emmanuelle Béart, Jerzy Radziwilowicz, Anne Brochet, Bettina Kee
Buch Pascal Bonitzer, Christine Laurent, Jacques Rivette
Kamera William Lubtchansky
Produktion Frankreich 2003
Dauer 145 Minuten
Genre Drama
Offical Site http://www.filmcoopi.ch

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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