Filmarchiv

Fahrenheit 9/11

Volle Deckung, Mister Bush!

Michael Moores neuer Film, für den er in Cannes die Goldene Palme gewann, ist eine unwiderstehliche Mischung aus linkspatriotischem Populismus, Polit-Theater und leisen Tönen.

Von Niklaus Schäfer

Fahrenheit 451 (232° Celsius) – das ist die Temperatur, bei der die Bücher brennen. In Ray Bradburys Science-Fiction-Roman «Fahrenheit 451», der von François Truffaut verfilmt wurde, ist der Besitz und das Lesen von Büchern verboten. Feuerwehrmänner kämpfen nicht gegen das Feuer, sondern verbrennen Bücher. Fahrenheit 9/11 – so die Tagline des neuen Films von Michael Moore – ist die Temperatur, bei der die Freiheit brennt. Auch in Michael Moores neuem Film geht es unter anderem um die Beschneidung bürgerlicher Freiheiten. Der Film beginnt ruhig – es ist die Ruhe vor dem Sturm. Die Wahl Bushs zum Präsidenten durch die Richter und der Versuch vor allem afroamerikanischer Abgeordneter, diese Entscheidung rückgängig zu machen; die Rolle der Medien; die Attacken vom 11. September, die darauf folgenden Kriege, die Angst der Amerikaner vor weiteren terroristischen Attentaten, der Patriot Act, die Geld- und Tötungsmaschine Irak, die Verbindungen zwischen Bush und der Familie Bin Laden – es ist im Grunde genommen das Material für zahlreiche Filme, das Moore in «Fahrenheit 9/11» im Schnellverfahren abhandelt. Das ist einerseits die Stärke des Films, aber auch seine Schwäche.

Vom Priesterseminar zum Filmemacher

Mit 14 Jahren trat Michael Moore ins Priesterseminar ein. Mit 18 entschied er sich für die Politik, vier Jahre später wurde er Journalist und gründete die Zeitung «The Flint Voice». 1989 debütierte er schliesslich als Filmregisseur: «Roger & Me» war der Liebling des Publikums wie auch der Kritik. Inspiriert wurde der Film von «Atomic Cafe», dessen Ko-Regisseur Kevin Rafferty bei «Roger & Me» als Kameramann fungierte. Moores erklärtes Ziel war es, keinen herkömmlichen Dokumentarfilm zu machen, sondern einen Film, der auch beim breiten Publikum bestehen kann. Es folgten «The Big One» (1998) sowie der Spielfilm «Canadian Bacon» (1995), der schon einiges aus «Bowling for Columbine» (2002) – dem Film, der für Moore den endgültigen Durchbruch bedeutete – vorwegnahm. «Canadian Bacon» zeigte zudem, dass Moore sich oft Ideen bei anderen ausleiht. Dies ist auch bei «Fahrenheit 9/11» der Fall – zu Moores Ehrenrettung muss man aber sagen, dass er in diesem Fall – der Darstellung der Anschläge vom 11. September 2001 – nur wenig Spielraum hatte. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass er sich von Alejandro González Iñárritus Episode aus «11'09''01 – September 11» inspirieren liess.

Moore, der Politiker

Neben den Filmen hat Moore ein weiteres Standbein – die Bücher. Kein Wunder also, dass er mit dem Titel seines neuen Films auf Bradburys Buch verweist. Noch vor «The Big One» schrieb der damals arbeitslose Moore das Buch «Downsize This! Random Threats from an Unarmed American». Moores Verdienst ist denn auch nicht rein künstlerischer Natur: Er hat zwar mit seinen Werken den Dokumentarfilm popularisiert und ihm neue Horizonte eröffnet; andererseits bleibt er immer auch der Journalist mit katholischen Wurzeln und politischem Ansatz. Künstlerisch wäre es vielleicht besser gewesen, wenn Moore sich in «Fahrenheit 9/11» mehr auf einzelne Aspekte konzentriert hätte und auf verschiedene populistische und nur vordergründig witzige Passagen verzichtet hätte, politisch gesehen aber hat sich Moore sicherlich richtig entschieden. Der Vorwurf, sein Film sei ein rein propagandistisches Werk, greift trotzdem zu kurz. Viel zu persönlich ist Moores Stil, der sich stark vom traditionellen Dokumentarfilm abhebt. Insofern hat Moore die Goldene Palme in Cannes zu Recht gewonnen – auch wenn die Selbstkritik in «Fahrenheit 9/11» eher zu kurz kommt.

Regie Michael Moore
Darsteller Michael Moore
Buch Michael Moore
Kamera Mike Desjarlais, Kirsten Johnson, William Rexer
Produktion USA 2004
Dauer 122 Min.
Genre Dokumentarfilm
Offical Site http://www.fahrenheit911.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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