Filmarchiv

Eternal Sunshine of the Spotless Mind

Glücklich ist, wer vergisst

Aus der Feder von Drehbuchwunder Charlie Kaufman hat der Film schon jetzt den Preis für den schönsten Titel des Jahres verdient.

Von Simon Spiegel

Der Mensch definiert sich über sein Gedächtnis, wir sind die Summe unserer Erinnerungen. Was wäre nun aber, wenn diese Erinnerungen veränderbar wären, wenn wir besonders unangenehme Erlebnisse löschen und Menschen, die uns Schmerz zugefügt haben, für immer vergessen könnten? Die Idee der Gedächtnismanipulation ist nicht neu – man denke zum Beispiel an den Schwarzenegger-Streifen »Total Recall«. Neu an »Eternal Sunshine of the Spotless Mind« ist vor allem die Umsetzung: Drehbuchautor Charlie Kaufmann, von dem auch die Scripts zu »Being John Malkovich« und »Adaptation« stammen, nimmt die Erinnerungsmanipulation nicht als Ausgangspunkt für eine actiongeladene Story, sondern erfindet stattdessen etwas zwischen melancholischer Romanze und leichter Liebeskomödie.
Hauptfigur des Films ist Joel Barrish – für einmal erfreulich unhysterisch: Jim Carrey –, ein leicht gehemmter Jedermann, der von seiner Freundin, der flippigen Clementine (Kate Winslet), verlassen wird. Das heisst: Verlassen ginge ja noch, aber Clementine hat sich jegliche Erinnerung an ihre Zeit mit Joel löschen lassen. Nachdem Joel die ganze Wahrheit erfahren hat, steht sein Entschluss rasch fest: Ohne Clementine will er nicht weiterleben, da vergisst er lieber alles, was er mit ihr erlebt hat. Und so dauert es dann auch nicht lange, bis Joel bei »Lacuna Inc.«, dem Spezialinstitut für Gedächtnislöcher, im Büro sitzt und sich von dem freundlichen Doktor Mierzwiak die Details der Operation erklären lässt.

Achterbahnfahrt ins Ich

Die eigentliche Behandlung Joels nimmt den grössten Teil des Films ein. Autor Kaufman scheint in Regisseur Michel Gondry, bekannt durch Videoclips für Björk und Beck, einen idealen Partner gefunden zu haben; gemeinsam inszenieren sie die Erinnerungstilgung als absurden Trip in Joels Unbewusstsein. Gegenwart, Vergangenheit und Traum vermischen sich; in Bruchstücken wird die Vorgeschichte von Joel und Clementine aufgerollt, erfahren wir, wie die beiden zusammenkommen und sich wieder auseinander leben. Dabei verfährt der Film nie chronologisch, sondern schlägt wilde Kapriolen und lässt die verschiedenen Realitätsebenen in teilweise grossartigen Szenen aufeinanderprallen. Ganz so reibungslos wie geplant, gestaltet sich Joels Behandlung aber nicht: Etwas in ihm scheint zu rebellieren und will die Erinnerung an Clementine bewahren.
Während der schlafende Joel mit seinen Erinnerungen ringt, spielen sich um ihn herum weitere Dramen ab: Zwischen den Assistenten von Dr. Mierzwiak und der schönen Sekretärin Mary (Kirsten Dunst) kommt es zu amourösen Verstrickungen, und das nicht zum ersten Mal: Auch einige Angestellte von »Lacuna Inc.« haben sich bereits einer Gedächtnislöschung unterzogen.

Leise Zwischentöne

»Eternal Sunshine« wagt einen schwierigen Drahtseilakt, denn unterhalb der quirligen Oberfläche mit ihren wilden Plotdrehungen und den filmischen Kabinettstückchen erzählt der Film seine eigentliche, viel leisere und gar nicht phantastische Geschichte: Die Geschichte von Joel und Clementine, von zwei Menschen, die sich nach der ersten grossen Liebe auseinanderleben, sich plötzlich in einem Teufelskreis gegenseitiger Anschuldigungen und Verletzungen wieder finden, sich aber dennoch lieben.
Ist der Mensch nur die Summe seiner Erinnerungen, können wir unsere Persönlichkeit durch Manipulation unseres Gedächtnisses beliebig umformen? Am Ende entpuppen sich Gondry und Kaufman als Romantiker und beantworten die Frage mit einem klaren Nein.

Regie Michel Gondry
Darsteller Jim Carrey, Kate Winslet, Kirsten Dunst, Mark Ruffalo, Elijah Wood, Tom Wilkinson
Buch Charlie Kaufman
Kamera Ellen Kuras
Produktion USA 2004
Dauer 115 Min.
Genre Science Fiction-Romanze
Offical Site http://film.de/moviespecials.php/id/845/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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