Von Niklaus Schäfer
Der Titel «Indian Love Story», wie «Kal Ho Naa Ho» im deutschen Verleih heisst, trifft wohl auf jeden Bollywood-Film zu – vor allem jetzt, wo die Industrie weniger Action-Filme als früher dreht. Doch die Art, wie Regisseur Nikhil Advani in seinem Debüt die Grundideen des Bollywood-Kinos variiert, hat es in sich.
Naina Catherine Kapur (Preity Zinta) lebt zusammen mit ihrer christlichen Mutter, ihrer hinduistischen Grossmutter und ihren jüngeren Geschwistern in New York. Konflikte beherrschen den Alltag von Naina. Zwischen der Grossmutter und ihrer Schwiegertochter scheint der Dialog unmöglich. Dazu kommt noch, dass Naina sich um die Finanzen des familieneigenen Restaurants kümmern muss – und um die steht es nicht zum Besten. Ihr bester Freund Rohit (Said Ali Khan) treibt sie zudem mit seiner mangelnden Reife zur Weissglut. Naina sucht Trost in der Religion. Und da tritt plötzlich Aman (Shah Rukh Khan) in ihr Leben.
Die Elite aus Bollywood
Zwar ist «Kal Ho Naa Ho» der erste Film von Nikhil Advani, doch sowohl vor als auch hinter der Kamera steht ihm ein grandioses Staraufgebot zur Seite. Produziert wurde der Film von Dharma Productions («Kabhi Khushi Kabhie Gham») – der Firma des Vater-und-Sohn-Teams Karan und Yash Johar. Karan Johar ist auch Ko-Autor des Drehbuchs. Kameramann ist Anil Mehta («Lagaan»); die Liedtexte stammen von Javed Akhtar. Farah Khan, die vor kurzem mit ihrem eigenen Regiedebüt «Main Hoon Na» brillierte, zeichnet für die Choreographie verantwortlich. Preity Zinta, die im Film Naina spielt, und Saif Ali Khan, der Rohit verkörpert, sind hoch gehandelte Jungstars und waren zusammen in «Dil Chahta Hai» zu sehen. Shah Rukh Khan schliesslich ist der Superstar des indischen Kinos. Einem breiteren westlichen Publikum dürfte er aus «Devdas und «Kabhi Khushi Kabhie Gham» bekannt sein.
«Kal Ho Naa Ho» überzeugt auf der ganzen Linie – ein Bollywood-Film, der nicht nur oberflächlich Weltoffenheit heuchelt. Im Gegensatz zu vielen anderen indischen Produktionen ruft «Kal Ho Naa Ho» zur religiösen Toleranz auf und zeigt zudem, dass hinter der religiösen Hartherzigkeit oft persönliche Ressentiments stehen, die mit der Religion nichts zu tun haben.
Für ein Leben im Hier und Jetzt
Auch der Patriotismus in «Kal Ho Naa Ho» ist weit entfernt vom Hindu-Nationalismus von Werken wie «The Hero». Das wird klar, wenn man sieht, wie die Protagonisten ihr Restaurant von einem stinknormalen Burger-Laden in ein indisches Restaurant verwandeln oder wie Inder sich jenseits von religiösen und ethnischen Grenzen miteinander verbrüdern. Und die so genannten Familienwerte huldigen hier nicht einem rein traditionellen Patriarchalismus wie in «Baghban». Insofern ist der Vergleich mit «My Big Fat Greek Wedding» durchaus angebracht – auch wenn «Kal Ho Naa Ho» ein Bollywood-Film mit allen typischen Zutaten ist: den Songs, den Tanzeinlagen, dem Taschentuch-Faktor.
Sehr zu Recht wurde «Kal Ho Naa Ho» mit sieben Filmfare Awards (den indischen Oscars) ausgezeichnet. «Kal Ho Naa Ho» heisst übersetzt «Vielleicht gibt es kein Morgen» – der Film ist ein Plädoyer für das Leben im Hier und Jetzt. Dem Bollywood-Kino wird zwar oft Eskapismus vorgeworfen, doch gerade «Kal Ho Naa Ho» ist lebensnaher als die meisten Hollywood-Filme. Und wie sagte doch ein gewisser Alfred Hitchcock: «Drama is life with the dull bits cut out» – Drama ist das Leben ohne die langweiligen Teile. Wer dies dem Kino vorwirft, tut ihm unrecht. Advani selbst kannte New York vor den Dreharbeiten «nur» aus den Filmen von Woody Allen. Advanis Wurzeln sind im Studiofilm zu finden – gerade deshalb bringt er frischen Wind nach Bollywood.
| Regie |
 |
Nikhil Advani |
| Darsteller |
 |
Shah Rukh Khan, Preity Zinta, Jaya Bachchan, Saif Ali Khan |
| Buch |
|
Karan Johar, Niranjan Iyengar |
| Kamera |
|
Anil Mehta |
| Produktion |
|
Indien 2003 |
| Dauer |
|
186 Min. |
| Genre |
|
Melodrama |
| Offical Site |
|
http://www.khnhthefilm.com |
© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.
Zurück
