Filmarchiv

Eleni - Die Erde weint

Eine schmerzliche Erinnerungsmelodie

Der griechische Regisseur Theo Angelopoulos zeigt den ersten Teil einer Trilogie, die durch die griechische Geschichte des 20. Jahrhunderts wandert.

Von Jana Ulmann

Das filmische Werk des 1935 geborenen, griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos («Die Ewigkeit und ein Tag», «Der Blick des Odysseus») windet sich um Inhalte wie Verlust der Heimat, Exil, Mythos und Erinnerung. Auch die «Trilogie», deren erster Teil «Eleni – Die Erde weint» jetzt in die Kinos kommt, bewegt sich entlang dieser Koordinaten und soll in drei eigenständigen Filmen die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive griechischer Flüchtlinge aufrollen.
Die Trilogie nimmt ihren Anfang im Odessa des Jahres 1919 beim Einmarsch der Roten Armee und wird im New York unserer Tage enden. Die Hauptfigur in diesem filmischen Zyklus ist, zum ersten Mal in einem Film von Angelopoulos, eine Frau. Die filmische Erzählzeit des ersten Teils führt von 1919 bis ins Jahr 1949. Elenis (Alexandra Aidini) Leben ist vom Verlust gezeichnet. Vom Verlust der Heimat, der Mutter, des Geliebten, der Söhne und nicht zuletzt der eigenen Freiheit.

Kriege verändern das Leben

Als kleines Mädchen flieht Eleni nach der Ermordung ihrer Mutter mit einer Gruppe von Flüchtlingen. Auf einem sumpfigen Stück Land mitten in einem trostlosen Flusstal baut die Flüchtlingsgruppe ein neues Dorf auf. Eleni wird von der Familie des Dorfoberhauptes aufgenommen. Sie verliebt sich in ihren Stiefbruder Alexis (Nikos Poursanidis), die beiden werden ein Liebespaar, Eleni wird schwanger und bringt Zwillinge zur Welt, die man ihr wegnimmt. Als sie ihren Stiefvater heiraten soll, flieht sie mit ihrem Geliebten. Alexis ist ein begnadeter Akkordeonspieler und sucht für die Familie eine neue Existenz und ein neues Zuhause in Amerika. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs und der griechische Bürgerkrieg führen zu einem weiteren Bruch in Elenis Leben – und in der Geschichte Griechenlands.

Grossartige, beklemmende Bilder

Theo Angelopoulos erzählt diese Geschichte in durchkomponierten, symbolhaften Bildern ohne jede Farbigkeit. Bedrückend, kalt und grau und dennoch von einer grausamen Schönheit sind sie. Das Unglück und die Grausamkeit verfolgen die Figuren, die diesen dunklen Bilderfluss bevölkern. Die Musik ist in den Filmen von Angelopoulos als wichtiges Gestaltungsmittel immer auch ein dramaturgisches Element. Wie schon in den letzten sechs Filmen hat Eleni Karaindrou auch diesmal wieder die Musik komponiert. Ihre melancholischen Melodien tragen den Film und wirken nachhaltig. Unendlich traurig sind sie, und doch verheissen sie so etwas wie Glück. Einzig die Musik und die Liebe bringen einen Hoffnungsschimmer in die schweren Zeiten.
Der Plot hat episches Ausmass und Angelopoulos transponiert einmal mehr die mythologischen Stoffe ins zwanzigste Jahrhundert. Die Schatten des letzten Jahrhunderts ragen bis in die Gegenwart und in die Zukunft, denn die Toten lassen sich so schnell nicht vergessen. Die «Trilogie» speist sich aus der Vergangenheit, ihre Melodie ist die schmerzliche Erinnerung. Da stellt sich auch die Frage, wie viel Unglück und wie viele Schicksalsschläge ein Mensch eigentlich ertragen kann, ohne daran zu zerbrechen. Kein einfacher Film, gewiss, sondern ein Film, der einem schwer wie ein Felsbrocken auf der Seele lastet und Zeit, Geduld und Hingabe fordert. Ein Film, der das Drama der menschlichen Existenz in grossartige, beklemmende Bilder fasst.

Regie Theo Angelopoulos
Darsteller Alexandra Aidini, Nikos Poursanidis, Giorgios Armenis, Vassilis Kolovos
Buch Theo Angelopoulos, Tonino Guerra, Petros Markaris, Giorgio Silvagni
Kamera Andreas Sinanos
Produktion Griechenland 2003
Dauer 170 Minuten
Genre Drama
Offical Site http://www.filmcoopi.ch

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