Filmarchiv

Bad Boy Bubby

Bad Boy Bubby, Fremder in der Fremde

Ein urbanes Wolfskind betritt die Pop-Hölle in Rolf de Heers Film

Von Frank Götz

Wer von «Nell» gerührt wurde, sollte den australischen «Bad Boy Bubby» nicht verpassen. Der 1993 in Venedig ausgezeichnete Film von Rolf de Heer erzählt von der erstaunlichen Entdeckungsreise eines Kindes, das mit 35 Jahren zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt.

Endlich. Auf diesen Film haben wir gewartet. Nach der Pralinenschachtel-Philosophie des gumpenden Einfaltspinsels und dem Gelalle der Feld-Wald-und-Wiesen-Nymphe wurde es auch Zeit. Mit «Bad Boy Bubby» beweist der niederländische Regisseur Rolf de Heer zweierlei: Erstens, dass es mehr gibt im Leben als sich die rührselige Hollywood-Weisheit mit ihren naiven Schinken zu träumen wagt. Und zweitens, dass man dem Leben eines beschränkten oder gar misshandelten Kindes filmisch durchaus intelligente, humane Aspekte abgewinnen kann - auch ohne Oscarnominationen.

Mutter, Katze, Küchenschabe

Beginnen wir mit dem Anfang, denn am Anfang war die Hölle: Eine Mutter, eine Katze und «Bubby», ein mittlerweile 35jähriges Kind (Nicholas Hope). Seit 35 Jahren wohnen sie in den selben vier Wänden, aber ohne dass Bubby sein Zuhause auch nur ein einziges Mal verlassen durfte. Kein Fenster, kein Tageslicht, keine nennenswerte Einrichtung, nichts. Nur ein paar Geräusche, die hin und wieder ins Grau der verfallenen, bunkerartigen Wohnung eindringen und so etwas wie ein «Draussen» ahnen lassen. Wie bei Sartre: Die Hölle, das sind die Anderen.

Für Bubby ist das die Mutter, etwas anderes kennt er nicht; Alice Miller hingegen würde eine solche Mutter-Kind-Symbiose wohl glatt das psychoanalytische Vokabular verschlagen. Denn Mama (Claire Benito) füttert, wäscht, bestraft und demütigt ihn - nach Wahl und mit ausgesuchten verbalen Scheusslichkeiten. Und wenn ihr gerade danach ist, schläft sie mit Bubby, zumal der Vater sie schon vor der Geburt ihres Kindes verlassen hat. Ansonsten kümmert sie sich kaum um ihn - und wenn er nicht gerade still sitzen muss, bis Mama vom Einkaufen zurückgekehrt ist, verbringt er seine Tage damit, die Katze zu quälen oder Küchenschaben in ihre diversen Einzelteile zu zerlegen.

Grosse weite Welt

Keine Frage: An dieser beklemmenden Figurenkonstellation hätte Beckett seine Freude gehabt; immerhin bestimmt sie gut einen Drittel des Films. Als Bubbys Vater (Ralph Cotterill) jedoch plötzlich wieder auftaucht und seinen Platz in der Familie einnimmt, lässt die Wende nicht mehr lange auf sich warten. Das ödipale Dreieck ist komplett, Bubbys Eifersucht auf dem Siedepunkt, und ohne eigentlich zu realisieren, wie ihm dabei geschieht, bringt Bubby kurzerhand seine Eltern um - mit Sandwich-Folie.

Und nun entdeckt er die Welt - das «Draussen», das Andere, das Jenseits seines Inzest-Brutkastens; einen Ort, der Bubby ein Leben lang vorenthalten wurde und der sich nun um so beängstigender und mächtiger, schöner und schrecklicher, gefährlicher und verlockender präsentiert. Was er bei seiner Erkundungsreise findet, macht allerdings den Hauptteil dieses ungewöhnlichen Films aus, weshalb man es weder bei Sartre noch bei Beckett noch sonst irgendwo nachlesen kann - geschweige denn in einer Rezension.

Denn das «wahre Leben» ist bekanntlich eine Projektion, das Produkt einer Täuschung, ein Effekt; an den Rändern ist es perforiert und mit einer Tonspur versehen, ausserdem rückt es 24mal in der Sekunde ein Stück weiter. Und wer etwas Anderes behauptet, ist entweder Pfarrer oder Filmkritiker.

Unspektakulär eindringlich

Dass Bubby in der grossen weiten Welt dann tatsächlich so etwas wie Liebe erfährt, gehört zu den vielen schönen Pointen dieses Films. Das Glück tritt ihm nämlich in der Gestalt einer Frau entgegen und heisst - na, wie denn sonst? - Angel (Carmel Johnson). Doch wenn uns Bubby völlig absichtslos und so ganz nebenbei auch noch zeigt, was Rockmusik ihrem Wesen nach ist, dann dürfte selbst bei debil gerockten «Headbangern» ein kleines Lämpchen aufleuchten.

Erwähnenswert ist die schauspielerische Präzisionsarbeit des bislang unbekannten Nicholas Hope; sein Bubby stellt auch vom Erscheinungsbild her eine gelungene Mischung dar aus den Faxen eines Roberto Benigni und der dumpfen Verzweiflung von Bruno S., jenes eindrücklichen Laiendarstellers in Werner Herzogs «Jeder für sich und Gott gegen alle» (1974). «Bad Boy Bubby» ist rührend - ist tragisch und beunruhigend und komisch zugleich, bisweilen sogar zum Lachen komisch. Vor allem aber ist er unspektakulär und ohne jede falsche Sentimentalität.

Und das tut gut.

Regie Rolf de Heer
Buch Rolf de Heer
Kamera Ian Jones
Musik Graham Tardif
Produktion AUS/It 1993
Dauer 112 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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