Filmarchiv

American Splendor

Doku-Comix

Eigenwillige Verfilmung der autobiografischen Comics von Harvey Pekar und Joyce Brabner.

Von Niklaus Schäfer

In den Sechziger- und Siebzigerjahren wurden die Comics als ernst zu nehmendes Medium entdeckt; als Kunstform, die sich auch ausschliesslich an Erwachsene richten kann. Harvey Pekar aber war der erste, der sich in seinen von vielen bekannten Underground-Comix-Zeichnern, darunter auch Robert Crumb, illustrierten Stories konsequent seinem eigenen Leben, dem Alltag des Harvey Pekar, zugewendet hat: «Ordinary life is pretty complex stuff», ist sein Motto. Nun haben sich die Dokumentarfilmer Shari Springer Berman und Robert Pulcini der Comics von Pekar und seiner Frau Joyce Brabner angenommen. Herausgekommen ist eine sehr unterhaltsame Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, in dem man auch immer wieder Ausschnitte aus Pekars und Brabners Comics sieht.
So treffen wir im Film sowohl den echten Harvey Pekar und die echte Joyce Brabner als auch ihre filmischen Inkarnationen, dargestellt von Paul Giamatti («Confidence») und Hope Davis («About Schmidt», «Arlington Road»). James Urbaniak («Sweet and Lowdown», «Teknolust») verkörpert den berühmten Schöpfer von Fritz the Cat, Robert Crumb, der als erster Zeichner mit Pekar zusammengearbeitet hat. Judah Friedlander brilliert als «Über-Nerd» Toby Radloff, ein ehemaliger Arbeitskollege von Pekar, der in den Achtzigerjahren zur MTV-Ikone wurde.
Was dem Film zum Teil etwas abgeht – im Gegensatz zu den Comics –, ist die analytische Ebene. So berichtet der (selbst ebenfalls jüdische) Harvey im Film zwar über alte jüdische Ladies, die ihn mit ihrer Sparwut im Supermarkt zur Weissglut treiben, weil er jeweils die längste Zeit warten muss, bis er an der Reihe ist und seine Sachen bezahlen kann. Doch nur im Comic kommt auch das Gegenbeispiel: eine alte jüdische Dame, die ihn durch ihre Ehrlichkeit und ihre zuvorkommenden Manieren erstaunt. Zugegebenermassen kann Pekars moralinsaurer Duktus auch auf die Nerven gehen; insofern ist die grössere Distanz des Films zu Pekars lehrmeisterlicher Überlegenheit nicht ganz unwillkommen. In jedem Fall ist «American Splendor» aber ein wirklich gelungener Film, der Pekar hoffentlich zahlreiche neue Leserinnen und Leser bescheren wird.

Regie Shari Springer Berman, Robert Pulcini
Darsteller Paul Giamatti, Hope Davis, Harvey Pekar, Joyce Brabner, Shari Sprenger Berman, James Urbaniak
Buch Shari Springer Berman und Robert Pulcini; nach den Comics von Harvey Pekar und Joyce Brabner
Kamera Terry Stacey
Produktion USA 2003
Dauer 101 Min.
Genre Komödie, Drama, Dokumentarfilm
Offical Site http://www.americansplendormovie.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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