Filmarchiv

Azzurro

Der alte Mann und die Schweiz

Der melancholische und zugleich augenzwinkernde Film des Schweizers Denis Rabaglia gewann in Solothurn den Filmpreis 2001.

Von Brigitte Häring

Was ist mit den Leuten passiert, die - vor allem aus Italien - in den 50er bis 70er Jahren hier arbeiteten, um mit einem bescheidenen, kleinen Reichtum in ihre Heimat zurückzukehren? "Azzurro" ist nicht ein Film, der sich mit der Gastarbeiterproblematik in einer kritischen Rückschau auseinandersetzt. Rabaglia dreht vielmehr den Spiess um und lässt einen betagten Süditaliener wieder zurück in das Land reisen, das ihm einst Gastland war. Hier merkt er, dass sich in seine Erinnerung wohl das Bild einer idealen Schweiz eingegraben hat, das er nun ziemlich revidieren muss.

Giuseppe De Metrio (Paolo Villaggio) lebt nach seinem langen Aufenthalt in der Schweiz in Apulien. Seine ganze Liebe gilt seiner kleinen Enkelin Carla (Francesca Pipoli), die blind ist. Die Familie (ihre unverheiratete Mutter, ihr Onkel und der Grossvater) wartet auf grünes Licht für eine Netzhauttransplantation. Doch Carla steht weit unten auf der Warteliste.

Giuseppe möchte aber das Kind vor seinem Tod operiert wissen und entschliesst sich zum grossen Unterfangen: Mit Carla macht er sich auf den Weg in die Schweiz, um bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Gaston Broyer (Jean-Luc Bideau) anzuklopfen, der ihm einmal Hilfe für jede Situation angeboten hatte. Die Reise im Land, in dem sie "in Tausendern statt in Millionen zählen", und in dem eine alte Liebe Giuseppes wartet, erweist sich aber als weniger einfach als erwartet. Die Schweiz ist nicht (mehr) das goldene Land, das es für Giuseppe zumindest in der Erinnerung einmal war und die Jahre sind auch an dem kleinen Land nicht vorbeigegangen.

"Azzurro", mit dem Schweizer Filmpreis 2001 und dem Darstellerpreis in Locarno für Paolo Villaggio ausgezeichnet, behandelt sehr unklischiert die Probleme des ehemaligen Gastarbeiters. Ein Roadmovie nennt Rabaglia selber seinen Film, der behutsam, manchmal zu Tränen rührend, manchmal zum Schmunzeln verführend, seine Geschichte erzählt. Rührend ist auch die wunderbare Darstellerin der kleinen Carla, die altklug und wach mit ihrem Grossvater auf und davon reist. Ein Schweizer Film, der sehr zu empfehlen ist und nach dessen Besuch man mindestens eine Woche lang "Azzurro" summen wird.

Regie Denis Rabaglia
Buch Denis Rabaglia, Luca de Benedettis, Antoine Jacqou
Kamera Dominique Grosz
Musik Louis Crelier
Produktion CH/I/F 2000
Dauer 85 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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