Filmarchiv

Vodka Lemon

Kaukasische Befindlichkeiten

Den Menschen im winterlichen Kaukasus mangelt es an vielem, aber nicht an Herzenswärme.

Jana Ulmann

Wenn im eiskalten kaukasischen Winter der Wind übers weite Land fegt, dann hat manch einer noch nicht einmal genug Geld, um die heruntergekommene Behausung notdürftig zu heizen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR scheint man die kurdischen Bewohner in einem kleinen Dorf in der hintersten Ecke Armeniens vergessen zu haben, und so hilft manchmal nur ein grosser Schluck Vodka, um den Bauch ein wenig aufzuwärmen und die Hoffnungslosigkeit für kurze Zeit zu vergessen. Die Zukunft verheisst hier alles andere als rosige Zeiten, dennoch schafft es der kurdische Regisseur Hiner Saleem, der Hoffnungslosigkeit mit einer tüchtigen Portion Herzenswärme Paroli zu bieten.
Hamo (Romik Avinian), ein ehemaliger Offizier der Roten Armee, hat zwei Söhne, von denen er sich Unterstützung in seinen alten Tagen erhofft hat. Doch während der ältere Sohn seine Lebenszeit im Alkohol ersäuft, ist der Jüngere nach Paris ausgewandert – wobei die erhofften Geldspritzen ausbleiben. Da hilft alles nichts: Hamo verkauft seine letzten Habseligkeiten auf dem Markt im nächsten Dorf, was danach kommt, weiss keiner. Auf dem Friedhof, wo er täglich das Grab seiner verstorbenen Frau besucht, lernt Hamo die schöne Nina (Lala Sarkissian) kennen. Auch sie ist verwitwet und verdient ein bisschen Geld, indem sie in einer Bude an der Strasse Vodka verkauft. Die beiden kommen sich sachte näher, und plötzlich ist der Winter nicht mehr so kalt, wie er mal war.
Hiner Saleem zeichnet seine beiden Hauptfiguren als zwei würdevolle ältere Menschen. Obwohl Hamo selbst kaum genug Geld zum Leben hat, bezahlt er Nina die Busfahrten zum Friedhof. Der Busfahrer schmettert dabei mit Inbrunst immer dasselbe französische Chanson durch die verschneite Landschaft, bis das Tonband den Geist aufgibt. «Vodka Lemon» hat eine klare Botschaft: Will man nicht untergehen, muss man auch in schwierigen Zeiten die Würde bewahren. Das Leben kann trostlos sein, aber Hiner Saleem gewinnt der Sinnlosigkeit Hoffnung ab und würzt seine Tragikomödie mit einem schönen Schuss skurrilen Humors. Ein warmes Lächeln lässt die Melancholie dahinschmelzen, und der Vodka wärmt die kalten Glieder wieder auf.

Regie Hiner Saleem
Darsteller Romik Avinian, Lala Sarkissian, Yvan Franek, Rouzanne Meropian, Zahal Karielachvili
Buch Hiner Saleem
Kamera Christophe Pollock
Produktion F, I, CH, Armenien 2003
Dauer 90 Min.
Genre Tragikomödie
Offical Site http://www.columbusfilm.ch

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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