Filmarchiv

Reconstruction

Und trotzdem tut es weh ...

Hautnah an der Grenze zum Fantastischen erzählt der Däne Christoffer Boe die Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe, mit Kopenhagen als Traumkulisse.

Von Georges Wyrsch

Liebe ist nicht greifbar. Aber sie lässt sich konstruieren, dekonstruieren und rekonstruieren: indem man über sie erzählt. Liebe ist Projektion, Kino ist es auch. Solche und ähnliche Überlegungen werden es gewesen sein, die den dänischen Regisseur Christoffer Boe zu seinem Projekt (im wahrsten Sinne des Wortes) «Reconstruction» angetrieben haben.
In fast jedem Film wird geliebt, meist auf sehr dramatische Weise.
Man bezweifelt gern, dass es Facetten der Liebe gibt, welche die Filmlandschaft diesem Phänomen nicht bereits ausführlich abgerungen hätte. Und dennoch hat es Boe wissen wollen: einen Film allein und ausschliesslich über die Liebe zu machen; einen Film, in dem nichts anderes getan wird, als geliebt.
Gleich zu Beginn weist eine Stimme aus dem Off auf die Einfachheit der notwendigen Zutaten hin: «Ein kleines Lächeln, ein Mann, ein schöne Frau». Der attraktive Alex (Nikolaj Lie Kaas) lernt in einer Bar in Kopenhagen die bildhübsche Aimée (Maria Bonnevie) kennen. Es funkt, und Alex fragt Aimée ohne Vorwarnung, ob sie mit ihm nach Rom verreisen möchte. So einfach ist das.

Nicht alle Wege führen nach Rom

So einfach ist es natürlich nicht. Sowohl Alex als auch Aimée sind bereits liiert; sie werden sich finden, verlieren und wieder finden müssen. Auch dieser Parcours wäre über Umwege zu bewältigen, aber die beiden haben ein noch viel gravierenderes Problem: Sie befinden sich nicht in der Realität, sondern in einer Konstruktion. Die Stimme eingangs hat es bereits ausdrücklich erwähnt: «Alles ist Film. Alles ist konstruiert. Und trotzdem tut es weh ...»
Man ahnt auch schon, wem es hier wehtut: dem Erzähler. Er ist es offensichtlich, der ein Leiden zu bewältigen hat, und die von ihm selbst ersonnene Geschichte von Alex und Aimée soll ihm bei dieser Überwindung helfen. Aber erfindet ein unglücklich Liebender denn ein glückliches Liebespaar?
Christoffer Boe hat sich mit diesem Kunstgriff des verliebten Erzählers einen entscheidenden Vorteil für sein Werk verschafft: In der Regel wird in solchen Filmen allein die geliebte Person als Projektion vorgestellt, und der liebende Mensch bleibt gemeinsam mit den Zuschauern deren Betrachter. Nicht so in «Reconstruction» – hier wird diese Unterteilung nicht gemacht, denn hier sind sowohl Mann als auch Frau überirdisch schön, beide werden betrachtet von einem Verliebten, und im Idealfall auch von einem schönen und in die beiden Darsteller verliebten Publikum.

Emotionen zwischen Blendung und Scharfsicht

«Reconstruction» ist kein Film, der verstanden, sondern einer, der gefühlt und geliebt werden will. Christoffer Boe orientiert sich keineswegs am Möglichen oder am Denkbaren, sondern allein an den Sinnen, und darin gleicht seine Vorgehensweise etwas derjenigen von David Lynch.
Aber da, wo Lynch seine irrealen Visionen mit Alpträumen, Paranoia und Obsessionen in Verbindung bringt, sucht Boe lediglich die Vermittlung des teils einlullenden und teils euphorisierenden Gefühls, das Verliebte dazu bringt, scheinbar sinnlose Dinge zu tun und die Welt in einer emotionalen Verwirrung wahrzunehmen. Doch dieser Blick geschieht nicht durch die rosarote Brille: Liebe ist bei Christoffer Boe nicht das höchste der Gefühle, sondern die Umzingelung des Rationalen – an der dünnen Grenze zwischen Wahnsinn und Fantastik. Selten war die Grenze zwischen Filmen und Lieben so durchlässig, selten die filmische Entsprechung des Verliebtseins so adäquat.

Regie Christoffer Boe
Darsteller Maria Bonnevie, Nikolaj Lie Kaas, Krister Henriksson
Buch Christoffer Boe, Mogens Rukov
Kamera Manuel Alberto Claro
Produktion Dänemark 2003
Dauer 89 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.reconstruction-lefilm.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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