Filmarchiv

Au sud des nuages

East is West

Jean-François Amiguet erzählt von zwei Wallisern, die in der Ferne ihr Glück finden.

Von Niklaus Schäfer

Filmemacher aus der Romandie sind immer wieder für eine Überraschung gut. Ob Familienknatsch («On dirait le sud»), eine skurrile Soap-Parodie («Les petites couleurs») oder der neue Gewinner des Schweizer Filmpreises («Mein Name ist Bach»): aus der Welschschweiz kommen immer wieder hervorragende Spielfilme.
Nun verblüfft Jean-François Amiguet mit seinem vierten Spielfilm «Au sud des nuages» – der Geschichte von ein paar welschen Bauern, die sich auf eine Reise nach China aufmachen. Begleitet werden sie dabei – sehr zu ihrem Missvergnügen – von Roger, der im Gegensatz zu den anderen Männern die Berge verlassen hat. Doch gerade Rogers Sprachkenntnisse sind es, die den Berglern mehr als einmal aus der Patsche helfen.
Schon bald zeigt sich aber, dass nicht alle fähig sind, die Reise bis an ihr Ende fortzusetzen. So kehren alle ausser Roger und Adrien, dem König des Tsaté, zurück in ihre vertraute Bergwelt. Für Roger und Adrien, den Dorfchef, ist es eine Reise in ihr Inneres – erst durch die Erfahrung der Fremde können sie sich selbst und ein erfülltes Leben finden.
«Au sud des nuages» ist ein kraftvolles Statement gegen die persönliche, aber auch die politische Vereinsamung: Erst der Blick über die Landesgrenzen ermöglicht es den Protagonisten, ihr Glück zu finden. Die Alternative ist der Tod. «Au sud des nuages» mag zwar stellenweise etwas plakativ erscheinen, doch es ist wohl der Stoff selbst, der diese stilistische Gestaltung vorgibt: Zwischen der Welt des verstädterten, mehrsprachigen Roger und jener des Bauern Adrien, der ganz in seiner eigenen, monologischen Existenz lebt, gibt es anfangs keine Kommunikation. Doch als Adrien die Gemeinsamkeiten seiner eigenen Kultur und der Chinas entdeckt, kann er sich öffnen und vertraut sich einer Fremden an.
Der zumindest scheinbar zerbrechliche Lucien hat seinerseits das Glück unter den Mongolen gefunden. In Genf war er als Postbote tätig, doch verlor er seinen Job. In der Mongolei hat der zweifach Geschiedene eine neue Liebe und ein neues Leben gefunden. Jean-François Amiguet nennt seinen Film eine Fabel. Realismus ist hier sicherlich nicht das Ziel. Wie sagte doch Godard so schön? «Film ist Wahrheit, 24-mal in der Sekunde».

Regie Jean-François Amiguet
Darsteller Maurice Aufair, Jean-Luc Borgeat, François Morel, Bernard Verley
Buch Anne Gonthier, Jean-François Amiguet
Kamera Hugues Ryffel
Produktion Schweiz 2003
Dauer 81 Min.
Genre Tragikomödie

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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