Filmarchiv

All Or Nothing

Wenn das Leben nichts zu bieten hat

Mike Leigh schildert den schwierigen Alltag einer Arbeiterfamilie. Eine meisterliche Milieustudie, in der trotz aller Düsternis auch Wärme, Hoffnung und Humor ihren Platz haben.

Von Karin Müller

Der Brite Mike Leigh ist bekannt für seine Filme über die Sorgen und Nöte der kleinen Leute, für seine genau beobachteten, realistischen Milieu- und Charakterstudien. Als Letztes allerdings hat er mit «Topsy-Turvy», einer Musical-Komödie über die beiden legendären Komponisten Gilbert & Sullivan, bewiesen, dass er auch andere Genres beherrscht. In seinem neuen Werk kehrt er nun aber wieder zurück zu seinem Lieblingsthema.
In einer tristen Siedlung lebt die Supermarkt-Kassiererin Penny (Lesley Manville) mit ihrem Lebenspartner, dem Taxifahrer Phil (Timothy Spall), und den stark übergewichtigen Kindern Rachel (Alison Garland) und Rory (James Corden). Diese Familie steht im Mittelpunkt des Geschehens; sie ist am Auseinanderbrechen. Phil verpasst die besten Tagesgeschäfte, weil er den ganzen Morgen im Bett verbringt, Rorys Lebensinhalt besteht darin, Burger und Fritten in sich hineinzuschaufeln und auf dem Sofa vor dem Fernseher zu liegen. Rachel arbeitet zwar als Putzhilfe in einem Altersheim, ist aber verschlossen und ohne Freunde. Penny schliesslich reibt sich zwischen Geldverdienen und Haushaltspflichten auf. Die emotionale Distanz zwischen ihr und Phil scheint unüberwindbar geworden zu sein.

Wie die unverfälschte Wirklichkeit

Mike Leigh setzt uns ein denkbar deprimierendes Szenario vor. Die wirtschaftliche Misere scheint das Glück früher oder später zu zerstören und alle Gefühle zu ersticken. Auch den Nachbarn von Penny und Phil geht es nicht viel besser. Alkoholsucht, verbale und körperliche Gewalt, sexuelle Unterdrückung und eine ungewollte Teenagerschwangerschaft sind die Themen, die der Regisseur bereithält. Aber er lässt auch die Hoffnung keimen und die Geschichte auf eine verhalten optimistische Note enden. Dafür braucht es einen inhaltlichen und dramaturgischen Wendepunkt, der es den Protagonisten erlaubt, den emotionalen Knoten zu lösen und einen Neuanfang ins Auge zu fassen.
Es ist kein besonders überraschendes Ereignis, das diese Wende herbeiführt, doch gerade darin liegt die Stärke Mike Leighs. Er muss keine unglaubwürdigen Fantasieentwürfe erfinden, um die banale Wirklichkeit spannend darstellen zu können. Er benötigt jedoch die Unterstützung der Schauspieler, und die bilden ein geschlossenes, grossartiges Ensemble. Einige von ihnen kennt man bereits aus früheren Mike-Leigh-Filmen wie Lesley Manville, Timothy Spall und Ruth Sheen. Auch die Arbeitsweise des Regisseurs hat sich nicht verändert: Bevor er zu filmen beginnt, erarbeitet und entwickelt er das Drehbuch und die Rollen zusammen mit den Darstellern. Das hat sich auch diesmal bewährt: Die Charaktere wirken absolut echt. Mike Leigh schafft es meisterhaft, die Fiktion wie die unverfälschte Wirklichkeit aussehen zu lassen.

Mit Humor gegen die Verzweiflung

Trotz der bedrückenden Umstände, der Atmosphäre von Verzweiflung und Einsamkeit, die der Film schildert, ist «All Or Nothing» nicht ohne Humor. Dieser geht vor allem von den Figuren selbst aus, etwa von Pennys Nachbarin und Freundin Maureen (Ruth Sheen). Sie lässt sich nicht entmutigen und begegnet scheinbar ausweglosen Situationen mit einer gesunden Portion Galgenhumor. Aber auch die philosophischen Betrachtungen von Phil sowie seine Taxifahrten, die ihm die unterschiedlichsten Passagiere bescheren, enthalten komische Elemente. Man lacht jedoch nie auf Kosten der Menschen, denn die Wärme und das Verständnis, die Mike Leigh ihnen entgegenbringt, übertragen sich auf die Zuschauer.

Regie Mike Leigh
Darsteller Timothy Spall, Lesley Manville, Alison Garland, James Corden
Buch Mike Leigh
Kamera Dick Pope
Produktion Grossbritannien, Frankreich 2002
Dauer 128 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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