Filmarchiv

Der letzte Coiffeur vor der Wettsteinbrücke

Charly und wir

Einfühlsames Porträt über den 81-jährigen Charly Hottiger.

Von Niklaus Schäfer

Die Deutschschweiz ist für ihre Dokumentarfilme bekannt – eine Tradition, die vielleicht auch darin begründet ist, dass Dokumentarfilme kostengünstiger hergestellt werden können als Spielfilme. Wie dem auch sei: Der neue Film von Jacqueline Falk («Pizza Canzone») und Christian Jamin («Kampfgeist») erinnert eher an die Filme des US-Amerikaners Alan Berliner («Nobody's Business», «The Sweetest Sound») als an andere Deutschschweizer Dokumentarfilme. «Der letzte Coiffeur vor der Wettsteinbrücke» räumt allerdings der Hauptfigur noch mehr Platz ein als Alan Berliner seinem Vater in «Nobody's Business». Und doch haben die Filme viele Gemeinsamkeiten: Beide werfen einen Blick auf eine ältere Generation, sagen uns aber auch viel über die Menschen und die Strukturen, in denen sie leben.
Der Film beginnt mit Jacqueline Falks Voice-over: Sie sagt, dass sie schon lange einen Film über ihre unmittelbare Umgebung drehen wollte. Die Idee ihres Vaters war es, einen Film über Charly Hottiger, den ehemaligen Basler Waisenhaus-Coiffeur, zu drehen. Er erzählt von seinen Lehrjahren, von seiner Kindheit und Jugend, von seiner verstorbenen Ehefrau («dr alty Drach») – vor allem aber sieht man Charly, wie er seine Kunden bedient, mit ihnen plaudert und sie dabei immer wieder auf die Schippe nimmt. Da macht auch Luki, seine älteste Kundin, die ihn immer wieder beschenkt und die er zu Weihnachten ins Restaurant ausführt, keine Ausnahme. Charly erscheint dabei als gutmütiger Mensch, hinter dessen leicht frauenfeindlichen Sprüchen sich ein gutes Herz verbirgt. Seine Kindheit, sagt er, war nicht glücklich – wie Alan Berliners Vater bekam er von seinen Eltern keine Zuneigung, keine Wärme. Vielleicht deshalb versteckt sich Charly oft hinter seinem humorigen Showmangehabe.
Viele von Charlys heutigen Kunden waren als Kinder im Waisenhaus – Charly war schon damals ihr Coiffeur. Das Geld vom «Kischtli» konnte Charly gut gebrauchen – Grossverdiener war er nie, und deshalb bessert er sich noch heute seine Rente mit seinem Laden auf. «Der letzte Coiffeur vor der Wettsteinbrücke» ist ein Basler Film, ganz klar; ein Film über Charly, aber doch auch viel mehr: ein Film über die politischen Strukturen, in denen wir leben.

Regie Jacqueline Falk und Christian Jamin
Darsteller Charly Hottiger
Kamera Fabrizio Fracassi
Musik Idee & Klang
Produktion Schweiz
Dauer 60 Min.
Genre Dokumentarfilm

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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