Von Niklaus Schäfer
Sterben ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema, aber trotzdem (oder gerade deshalb) übt es eine düstere Faszination aus. Nach «Elisabeth Kübler-Ross» kommt nun ein zweiter Schweizer Dokumentarfilm über das Sterben ins Kino. Jürg Neuenschwander zeigt die Schicksale von Menschen, die schon gestorben sind, und von sterbenden Menschen.
Im Gegensatz zu Kübler-Ross geht es hier nicht darum, den Menschen ein besseres Sterben zu ermöglichen – vielmehr will Neuenschwander zeigen, wie unsere Kultur mit dem Sterben umgeht. Als Kontrast dazu zeigt er, wie die tibetische Kultur mit ihren Toten umgeht. Leider kommen die Bilder aus dem Tibet etwas zu kurz. Neuenschwanders Film ist zwar eine gelungene Momentaufnahme, die sicherlich erahnen lässt, wie schwer wir uns mit dem Sterben tun, aber letztlich zeigt der Film zu wenig.
Es ist vielleicht bezeichnend, dass die Reformierten Kirchen Bern-Jura den Film mitfinanziert haben. Die Tendenz in heutigen Dokumentarfilmen, nichts zu erklären, sondern nur Szenen aus dem Alltag aneinander zu reihen, kommt der Kirche, die sich ja nicht in Frage stellen will, womöglich entgegen. Wenn ein todkranker Mann noch heiratet, dann fragt sich der Zuschauer, ob hier dem alten Mann nicht etwas vorgespielt wird. Doch der Film ist viel zu diskret, um nachzufragen – er zeigt nur, will uns nicht belehren; droht aber deshalb ins Nichtssagende abzugleiten.
«Früher oder später» erzählt angeblich von der Universalität der einzigen Gewissheit im menschlichen Leben. Besser angestanden wäre es dem Film, eben nicht die Universalität, sondern verschiedene Wege, dem Tod zu begegnen, aufzuzeigen. Er sei «der neue Schweizer Film zu Vergänglichkeit, Sterben, Tod und Trauer, zu Verzweiflung, Wut, Schmerz, Hilflosigkeit, zu Erlösung und Stille», heisst es weiter. Weshalb der neue Schweizer Film? Weshalb nicht einfach ein Film? Auch hier zeigt sich wieder, dass ein Mittelweg gefunden werden muss zwischen billigen Hollywoodkopien wie etwa «Achtung fertig Charlie» und Dokumentarfilmen, die in der Deutschschweizer Provinzialität verhaftet bleiben.
© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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