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Kill Bill

Rachefeldzug einer Frau

Quentin Tarantino legt einen fulminanten Actionfilm vor, der traditionelle Geschlechterrollen in Frage stellt – und triumphiert auf der ganzen Linie.

Von Niklaus Schäfer

Quentin Tarantino hat schon mit «Pulp Fiction» vor neun Jahren auf der ganzen Linie begeistert – mit nichtlinearem Erzählstil und einer Story, die ganz in der Populärkultur verwurzelt war, diese weiterschrieb und gleichzeitig kommentierte. Einerseits wurde «pulpig» zu einem neuen Adjektiv, das immer dann verwendet wird, wenn Gewalt und Intellekt, Populär- und Hochkultur, Trash und Studiokino sich die Hand geben. Viele Leute aber sahen in «Pulp Fiction» nur die Gewalt, nicht den Intellekt. So kam es – auch dank Oliver Stones «Natural Born Killers», der auf einem Drehbuch von Tarantino basierte – zu erbitterten Diskussionen über Gewalt im Film. Was dabei völlig unterging: vor allem in «Pulp Fiction» waren es nur einige Szenen, die wirklich gewalttätig waren – der Film bestach nämlich vor allem mit seinen hervorragenden Dialogen.

Hommage an Eastern und Western

In Tarantinos neuem Film hingegen – «Kill Bill: Vol. 1» – spritzt das Blut. Er ist eine Hommage an Tarantinos Lieblingsgenres – Kampfsportfilme aus China, Samurai-Filme aus Japan, Animes (japanische Zeichentrickfilme) und den Italo-Western. Er steht diesen in Sachen Gewalt in nichts nach – im Gegenteil. Tarantino, von dem auch das Drehbuch stammt, erzählt in seinem vierten Spielfilm die Geschichte der Ex-Killerin «The Bride» (Uma Thurman), die sich auf einem Rachefeldzug befindet. Ihre Hochzeit wurde zu einem Massaker, das sie als Einzige überlebt. In Flashbacks werden dabei die Geschichten ihrer verschiedenen Opfer und Killer erzählt – eine davon in von einem japanischen Zeichentrickstudio umgesetzter Anime-Form. «Kill Bill» ist ein visuelles Meisterwerk, ein sehr kunstvoller Film – der brachialen Gewalt zum Trotz. Im Gegensatz zu Tarantinos anderen Filmen stehen hier nicht die Dialoge, sondern die Handlung und die Action im Vordergrund.
Der Name des Films erinnert an den einer Musik-Compilation («Volume») – zwar war es Harvey Weinsteins Idee, den Film in zwei Teile aufzuteilen, doch Tarantino selbst fand daran offenbar gefallen. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass ja nicht zuletzt dank «Pulp Fiction» Soundtracks – und vor allem solche, die schon vorhandene Musik zusammenstellen – immer populärer wurden. Zum ersten Mal hat Tarantino hier mit einem Komponisten – dem Produzenten und Rapper RZA vom Wu-Tang Clan – zusammengearbeitet, doch grösstenteils verwendet er auch in «Kill Bill» schon bekannte Musik – auffallenderweise nicht nur Songs, sondern auch Filmmusik von Isaac Hayes bis Bernard Herrmann.

Tarantino und die Frauen

Tarantino hat schon in «True Romance» und «Reservoir Dogs» den Rassismus thematisiert. Auch in «Jackie Brown», seinem dritten Film als Regisseur, kam dieser zur Sprache: Michael Keaton als Cop sagt zu Jackie, dass sie als schwarze Frau lieber den Mund halten soll. Dazu kam an dieser Stelle ein weiteres Thema: Frauen. Während noch im Regiedebüt schlicht keine Frauen auftraten – abgesehen von einer Kellnerin, der einer der «Dogs» bezeichnenderweise das Trinkgeld verweigert –, hatte Uma Thurman schon in «Pulp Fiction» eine wichtige Rolle. In «Jackie Brown» durfte die von Tarantino verehrte Blaxploitation-Königin Pam Grier gar die Hauptrolle übernehmen, und in «Kill Bill» ist ebenfalls eine Frau Hauptfigur – Uma Thurman hat ihre Figur gleich selbst mitkreiert. Ihr Kampf richtet sich zwar auch gegen weibliche Peinigerinnen, doch auch diese werden als Opfer männlicher Manipulation dargestellt. In der Flucht der «Braut» aus der Gangster-Welt kann man eine Flucht aus der Männerwelt sehen. Sicherlich: die Flucht vor dem Patriarchat ist paradoxerweise eine gescheiterte Flucht in den sicheren Hafen der Ehe. Und trotzdem stellt Tarantino in seinem neuen Film traditionelle Frauenbilder radikal in Frage. Hier bestätigt sich, was schon «Natural Born Killers» ankündigte: Tarantino ist politischer Auteur, Hohepriester des Entertainments und der Filmkunst in Personalunion.

Regie Quentin Tarantino
Darsteller Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, David Carradine, Darryl Hannah, Sonny Chiba, Michael Madsen
Buch Quentin Tarantino
Kamera Robert Richardson
Produktion USA 2003
Dauer 110 Min.
Genre Action, Thriller, Drama
Offical Site http://www.kill-bill.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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