Filmarchiv

Il viaggio a Misterbianco

Italien, ein Wintermärchen

Paolo Poloni, Schweizer Filmer mit italienischen Wurzeln, reist durch seine Heimat. Entstanden ist ein sehr persönlicher Reisebericht über ein Italien jenseits der Klischees.

Felicitas Graf

«Ich musste diese Reise und diesen Film machen, um mit diesem Land, das irgendwie auch mein Land ist, ins Reine zu kommen. Ich fühlte, zwischen mir und Italien war noch eine Rechnung offen», erklärt Paolo Poloni. Immerhin habe dieses Land seine «Eltern ausgespuckt», doch er selbst kennt Italien bloss aus Sommerferien bei seiner Zia. So ist der Film weniger ein Dokumentarfilm über Italien geworden als vielmehr eine persönliche Auseinandersetzung mit einer fremden Heimat, und der Zuschauer erfährt über Poloni mindestens gleich viel wie über Italien.

Briefträger, Penner und Bürgermeister

Poloni lag viel daran, mit «Il viaggio a Misterbianco» ein Italien jenseits üblicher Vorstellungen von Mare, Sole und Caffè latte zu porträtieren. In den Wintermonaten des Jahres 2000 reiste er mit der Bahn, mit dem Bus oder per Autostopp vom Brenner bis ins sizilianische Misterbianco. Bewusst liess er Sehenswürdigkeiten links liegen, suchte ein «Italien abseits der gängigen Wege», wie er sagt, und sammelte Stunden an Filmmaterial. In sieben Kapiteln, die sich wie Novellen über ein winterliches Italien des 21. Jahrhunderts aneinander reihen, folgt der Film den verschiedenen Etappen von Polonis Reise. Unterlegt wird der Zusammenschnitt durch Musik des Akkordeonisten Gianni Coscia und einen Kommentar in Ich-Form. Letzterer ist leider in seiner Langatmigkeit und seinen teilweise philosophischen Plattitüden weniger geglückt.
In Mailand filmt Poloni nicht den Dom, sondern stösst auf eine von Afrikanern besetzte Kirche. Die Besetzer wollen auf ihre Wohnungsnot aufmerksam machen. Hier zeigt der Filmemacher die verschiedenen Menschen, die sich durch den Protest der Afrikaner zusammenfinden: Solche, die sich gestört fühlen, andere, die für Verständnis plädieren, und wieder andere, die den Anlass dazu nutzen, ihre eigenen Ängste in die Kamera zu schreien. In Pennabilli, einem kleinen Ort zwischen der Toskana und Umbrien, begegnet Poloni Flavio. Der Briefträger klingelt an Türen, weil er die Adressen der Empfänger nicht kennt, und philosophiert dabei bestechend locker über sein Leben; ein Rasta, den das Briefeaustragen mehr erfüllt als eine Karriere in Rom. In Neapel installiert sich Poloni auf der Piazza Dante, wo er mit den hier lebenden Junkies und Pennern ins Gespräch kommt und dem Besitzer eines Ladens für chirurgisch-medizinische Artikel. In Misterbianco schliesslich freundet sich Poloni mit dem Bürgermeister des sizilianischen Dorfes an. Der Sindaco hat der Korruption und der Mafia den Kampf angesagt und wischt in aller Öffentlichkeit die Strasse, um seinen Bürgern ein Vorbild zu sein. Er lässt sich bei der schwierigen Arbeit filmen, Bittsteller abwimmeln zu müssen.

Das Mosaik eines untypischen Italiens

In Polonis Art, Menschen nahe zu kommen und ihnen Intimes zu entlocken, liegt die Stärke von «Il viaggio a Misterbianco». Es ist nicht so sehr der Nebel, der über dem Meer hängt, der uns Italien in seiner winterlichen Fremdheit näher bringt, sondern es sind die Menschen, mit denen Poloni spricht. Sie verkörpern das untypische Italien, das Poloni sucht. Doch gerade durch die Auswahl, die Poloni hier treffen muss, erfahren wir auch einiges über den Regisseur und seine Sicht von einer spannenden Existenz: Es sind ausnahmslos Menschen jenseits der Konformität, Exzentriker und Aussteiger.

Regie Paolo Poloni
Buch Paolo Poloni
Kamera Paolo Poloni
Produktion Schweiz 2003
Dauer 90 Min.
Genre Dokumentarfilm

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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