Filmarchiv

Dogville

Von der Macht, Macht auszuüben

Wieder einmal führt Lars von Trier seinen innovativen und extremen Umgang mit dem Medium Kino vor : Nicole Kidman brilliert und die amerikanische Kritik schmollt.

Von Brigitte Häring

Lars von Trier ist wohl der innovativste und mutigste unter den zeitgenössischen Filmemachern. 1995 war er einer der Initianten der Dogma-Regeln, die strengste formale Vorgaben waren. Mit «Dancer in the Dark» (2000) drehte er ein Musical, dessen Radikalität in der Spannung zwischen den realitätsfremden und traumhaften Musical-Sequenzen und der gnadenlos realistisch erzählten und gefilmten Geschichte lag. Die Frage war nicht unberechtigt, ob es denn überhaupt möglich sei, noch radikaler zu werden, als es Trier mit seinen formalen Regeln und seinen psychologisch und vor allem moralisch komplexen Geschichten schon war. Und nun, nach Besichtigung von «Dogville» ist klar: Es ist möglich. Meisterlich versteht es Lars von Trier, neue formale Mittel zu finden, um die ewigen, unbequemen Fragen nach der Moral, der Ethik von Handlungen, nach menschlichen Stärken und Schwächen von neuem zu erläutern. Und jedes Mal, wenn er seinen Werken eine neue Form gibt, ändert er auch die erzählerischen Perspektiven, Blickwinkel und Atmosphären seiner Geschichten, deren Inhalte Gleichnissen ähnlich sind.

Wie in einer Puppenstube

«Dogville» ist eine amerikanische Kleinstadt, irgendwo in den Rocky Mountains – bzw. eine grosse Halle auf deren schwarzem Boden die Umrisse von Gebäuden aufgezeichnet sind. Das Ganze sieht etwa aus wie eine im Entstehen begriffene Puppenstube. Einzelne Möbelstücke, Wandelemente und Requisiten sind da, die Berge sind wie in einer billigen Fernsehshow angedeutet, ein einsamer Baum steht am Ende der «Strasse». Der auf der Tonspur bellende Hund erweist sich als Kreidezeichnung, unsichtbare Türen, an die geklopft wird, klingen dennoch hölzern.
In diesem seltsamen Ort erscheint eines Tages die schöne Grace (Nicole Kidman) auf der Flucht vor Gangstern. Der junge Schriftsteller Tom (Paul Bettany) setzt sich dafür ein, dass Grace bleiben darf. Sie bedankt sich bei den Dorfbewohnern mit kleinen und grösseren Hilfeleistungen. Doch allmählich, als sich herausstellt, dass Grace auch von der Polizei gesucht wird, schlägt das Wohlwollen der Bewohner in Misstrauen und Abneigung um. Das Leben für Grace wird immer unangenehmer. Als schliesslich die Verbrecher im Dorf erscheinen, nimmt – nachdem Grace ein langes Gespräch über Instinkte und Macht mit dem Boss der Bande geführt hat – alles ein ungeheuerliches Ende.

Über Macht und Ohnmacht

Vielleicht zu Beginn vermutet oder gar erhofft, kann die theaterähnliche Inszenierung nicht vergessen gemacht werden durch das Spiel der Darsteller; das soll sie jedoch auch nicht. Vielmehr wird mit der Zeit selbstverständlich, dass diese Inszenierung, zusammen mit einem fast an einen gelesenen Roman erinnernden, ausgeprägten Off-Kommentar, genau so sein muss, um gerade diese Geschichte, dieses Gleichnis über Macht und Ohnmacht zu erzählen. Nicht weniger radikal, weniger böse und brutal als «Dancer in the Dark» ist «Dogville». Und doch evoziert der Film ganz andere Gefühle und Gedanken. War man bei ersterem gnadenlos dem Geschehen auf der Leinwand ausgeliefert und musste fast körperlich die Leidensgeschichte der Selma (Björk) miterleben, entsteht bei «Dogville» eine Distanz, die die laufende Analyse des Geschehens und die verstandesmässige Prüfung der diskutierten Moralfragen erzwingt.
In Cannes ging der Film leer aus, und die amerikanische Kritik zerriss ihn gnadenlos – vielleicht weil diese Fragen nach hündischen Instinkten und der Macht der Mächtigen zu unbequem sind. Hier jedoch darf wieder einmal geschrieben sein: ein Meisterwerk!

Regie Lars von Trier
Darsteller Nicole Kidman, Paul Bettany, Lauren Bacall, Stellan Skarsgård, Harriet Andersson
Buch Lars von Trier
Kamera Anthony Dod Mantle (Lars von Trier)
Produktion DAN/SWE/FRA/NOR/NL/FIN/GER/ITA/JAP/USA/UK 2003
Dauer 177 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.dogville.dk

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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