Filmarchiv

Seabiscuit

Stehaufgeschichten für ein deprimiertes Land

Ein zu kleines Pferd und ein zu grosser Jockey werden zu Hoffnungsträgern im krisengeschüttelten Amerika der 30er. Die «true story» kommt für die heutige USA gerade recht.

Von Brigitte Häring

Die Geschichte des heruntergekommenen Grüppchens, das sich zusammenfindet, um ein ebenfalls heruntergekommenes Pferd zum Star zu machen, ist fast zu schön, um wahr zu sein – und sie passt perfekt in eine Zeit, in der Amerikas Bevölkerung wieder sehr verunsichert ist. Der Traum von der grossen Freiheit weicht einer knallharten Überwachung. Verunsicherung und Angst statt Selbstbewusstsein und Erfolg lassen sich als Grundstimmung ausmachen. Helden müssen her, um Mut zu machen, Einzelleistungen werden zum Zeichen dafür, dass es auch für die Kleinen machbar ist.
Und so ist «Seabiscuit» auf den zweiten Blick mehr als einfach ein historischer Film über ein Rennpferd in der schwierigen Zeit der Depression. Die Geschichte um das etwas krummbeinige, zu kleine und verstörte Pferd ist eine Stehaufgeschichte für die Amerikaner von heute, verunsichert von Terror, Krieg, zusammenstürzenden Sozial- und Elektrizitätssystemen. Wie immer geht es auch hier nicht ohne die gehörige Portion Pathos und den gewohnten Weichzeichner. Doch es ist der Filmcrew um Regisseur Gary Ross gelungen, den Film so zu machen, dass das Prädikat «schön» gebraucht werden kann, ohne damit gleich «Kitsch» mitzumeinen. Die karikierte Figur des Radiosprechers Tick-Tock McGlaughlin (ein hervorragender William H. Macy) ist einer der Garanten dafür, dass sich anbahnende Rührseligkeit schnell wieder verfliegt.

Gescheiterte Existenzen finden sich

Die Geschichte um das Pferd «Seabiscuit», das in den 30er-Jahren die Sportfans erfreute, wurde zuerst von der Autorin Laura Hillenbrand recherchiert und veröffentlicht. In ihr finden drei der unterschiedlichsten Figuren zusammen, in einer für Amerika schlimmsten Zeit. Börsencrash und Depression sorgen in den 30er-Jahren für höchste Arbeitslosenquoten, die Prohibition trägt auch nicht wirklich viel zur Aufbauarbeit bei. Die drei Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten haben auf den ersten Blick vor allem eines gemeinsam: Sie sind alle in ihrem Leben auf die eine oder andere Weise gescheitert.
Der erfolgreiche Autohändler Charles Howard (Jeff Bridges) verliert nach dem tödlichen Unfall seines Sohnes und der anschliessenden Scheidung seine Lebensfreude und durch den Börsencrash auch sehr viel Geld. Der Cowboy und Pferdeflüsterer Tom Smith (Chris Cooper) verliert durch den Bau von Strassen und Eisenbahnen seine Arbeit, und der junge, belesene Johnny «Red» Pollard (Tobey Maguire) kann sein Leben gar nicht erst erfolgreich beginnen, da seine Familie durch die Depression jeglicher Grundlage beraubt ist. Die drei treffen sich da, wo sich viele Menschen treffen, um dem Elend zu entfliehen: in Mexiko, wo Kleintheater, Dancings, Spiel, Alkohol und vor allem Pferderennen die Menschen von der Misere ablenken sollen.

Erfolg mit einem störrischen Pferd

Howard möchte – inzwischen wieder verheiratet mit der bezaubernden Marcela (Elizabeth Banks) – ein Rennpferd kaufen und trainieren und stellt dafür Smith ein. Dieser sucht sich ausgerechnet ein kleines, störrisches und etwas krummbeiniges Tier. Jockey wird schliesslich «Red», der eigentlich zu gross und ebenfalls etwas störrisch ist. Der Aufbau des Pferdes zum erfolgreichen Tier, das alle Rennen gewinnt, wird auch zum Aufbau der drei gescheiterten Existenzen.
Wer Pferde nicht wirklich mag, dem sei dieser Film nicht unbedingt angeraten, allen anderen sei ein schöner Kinoabend versprochen. Den älteren Semestern spielen sich die hervorragend besetzten Jeff Bridges und Chris Cooper in die Herzen; die jüngeren dürfen «Spiderman» Tobey Maguire für einmal mit roten Haaren bewundern.

Regie Gary Ross
Darsteller Tobey Maguire, Jeff Bridges, Chris Cooper, Elizabeth Banks, William H. Macy
Buch Gary Ross, nach einem Roman von Laura Hillenbrand
Kamera John Schwartzman
Produktion USA 2003
Dauer 141 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.seabiscuitmovie.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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