Filmarchiv

abXang

"Polo national" rockt ab

Nach dem Mani-Matter-Film für Fans nun eine vergnügliche Polo-Hofer-Hagiographie. Der Berner Musiker, Kultfigur und Pionier des Dialektrocks, wird bei der Premiere in Basel anwesend sein.

Von Niklaus Schäfer

«Eine distanzlose Hommage an Polo Hofer», so ein Untertitel von Mirjam von Arx' schnörkellosem Dokumentarfilm. Das trifft den Nagel auf den Kopf – falsche Versprechungen kann man von Arx also nicht vorwerfen. Der 1945 in Interlaken geborene Polo Hofer, eine nationale Ikone, eine «Kultfigur» (so ein anderer Untertitel des Films)? Den Namen «Polo national» trägt er jedenfalls zu Unrecht: Der Name Polo Hofer sagt nämlich den Romands und Tessinern nichts.

Der Charme der Berner Mundart

Doch gerade darin liegt das Geheimnis seines Erfolgs. Zwar hat der ausgebildete Handlithograf Polo mit den Jetmen und anderen Berner Beat-Combos englisch gesungen – wie die meisten Deutschschweizer Rapper hat er sich erst später seiner Muttersprache bedient. Und im Gegensatz zu Basler Sängern und Rappern hatte Polo, der 1970 die Dialekt-Rock-Gruppe Rumpelstilz gründete, immer den Vorteil, dass das Berndeutsche in der ganzen Deutschschweiz beliebt ist. Als Pionier des Dialektrocks hat Polo Hofer – wie auch Mani Matter – zumindest indirekt bis in den heutigen Mundart-Rap Wirkung – egal ob in Bern (Greis), Zürich (Bligg) oder Basel (Mory), Deutschschweizer Rapper bedienen sich des Dialekts. Und dafür – ebenso wie für Polos musikalische Feldforschung in den USA – muss man ihm eben dankbar sein. Als geistige Leuchte kommt der Mann dabei nicht gerade rüber: Der Zuschauer fragt sich, ob sich Polo einfach dumm stellt oder ob das eben alles Show ist. Denn sowohl als Musiker als auch als Politiker hat Polo immer provoziert, ist etwa mit Bemerkungen über «Neger» und Alte angeeckt. Rücksicht nehmen auf politische Diskurse, das ist nicht Polos Sache. Zugleich drängt sich die Frage auf, ob es Polos Aufgabe ist, das zu tun – müssen Künstler denn Intellektuelle oder Politiker sein?
Nicht jeder Künstler, nicht jeder Sänger ist eben auch ein politisches Schwergewicht, das der Nachwelt – abgesehen von der Musik – viel mitzuteilen hat. Deshalb war es eine weise Entscheidung von Mirjam von Arx und ihrem Team, den letzten Auftritt von Polo und seiner 1984 gegründeten Schmetterband in der Mühle Hunziken ins Zentrum des Films zu rücken. Die Musik nämlich – und nicht sein Aufruf, Senioren ab 70 die politische Entscheidungsfähigkeit abzusprechen, oder seine Statements à la «Man muss Adieu sagen wie ein Indianer» – ist es, die ihn zur deutschschweizerischen Kultfigur macht. Harry Hasler – ja, genau der! – hat wohl aber Recht, wenn er sagt, dass die Jungen von heute mit Polo nicht mehr viel anfangen können – mit Ausnahmen natürlich, wie auch der Film beweist. Schliesslich hat Polo auch Konzerte ausschliesslich für Kinder gegeben und so auch jüngere Generationen als Fans gewonnen.

Sich selbst immer treu geblieben

Trotzdem macht Polo keine aktuelle Popmusik im engeren Sinne, eher schon eine Musik, die an gute, glücklichere Zeiten erinnert – damit liegt Polo, unterdessen bald schon selbst nach eigener Einschätzung nicht mehr fähig zur politischen Mitbestimmung, wiederum voll im Trend. Während heute ehemalige WoZ-Mitarbeiter bei der FDP politisieren und SP-Mitglieder T-Shirts mit Schweizerkreuzen tragen, ist sich Polo immer treu geblieben – er bleibt auch im Zeitalter des Neoliberalismus immer noch der spitzbübische alte Kiffer, als den wir ihn kennen und lieben. Polo Hofer wird bei der Basler Premiere persönlich anwesend sein. – Vor «abXang» war die 1966 geborene Filmemacherin Mirjam von Arx unter anderem als USA-Korrespondentin für das Schweizer Fernsehen tätig; auch drehte sie 1992 einen Dokumentarfilm namens «Bluesiana», in dem auch Polo und seine Schmetterband zu sehen waren.

Regie Mirjam von Arx
Darsteller Polo Hofer, Sina, Plüsch, Harry Hasler, Florian Ast, Hanery Amman, Roger Schawinski, Chris von Rohr u.a.
Kamera Elia Lyssy
Produktion Schweiz 2003
Dauer 102 Min.
Genre Dokumentarfilm
Offical Site http://www.abxang.ch

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

Zurück



Top   Druckversion   Seite als Hotlink speichern
Meine Seitenbewertung