Filmarchiv

A Peck on the Cheek

Elternsuche im Bürgerkrieg

Dieser Kriegsfilm vereinigt Bollywood-Kitsch mit politischer Realität und befreit das indische Kino vom Vorwurf des Eskapismus.

von Georges Wyrsch

Bollywood-Filme waren über lange Zeit ein gut gehütetes Geheimnis. Nur einzelne Filmfreunde wussten von Indienreisen oder von Londoner Vorstadtkinos zu berichten, wo sie ungetüme Monsterfilme mit sprühenden Farben und ausufernden Tanz- und Gesangsnummern gesehen hatten. Groteske Liebesgeschichten, simpel und ohne Untertitel verständlich, in denen sich die Verteilung von Gut und Böse allein schon an den Frisuren festmachen liess – eigentlich banal, dafür aber ohne Grenzen in Sachen Opulenz, und selten unter drei Stunden lang.
In der Schweiz rangierten Bollywood-Filme bis vor kurzem ausschliesslich in den hinteren Regalen von kleinen Lebensmittelgeschäften – und dies, obwohl indische Filmteams gerne in unseren Bergregionen drehen. Doch inzwischen hat die Welt den Filmmarkt von Bombay (und der Filmmarkt von Bombay die Welt) entdeckt.
«A Peck on the Cheek» gehört zu den indischen Filmen, die auch dem westlichen Kinopublikum mehr abringen dürften als ein herablassendes Lächeln oder ein Staunen vor der farbenprächtigen Exotik. Der Regisseur Mani Ratnam – notabene einer der erfolgreichsten Filmschaffenden Indiens – versteht sich nämlich auf die Verquickung von Bollywood-Kitsch mit politischer Realität. Sein Blick macht keinen Halt vor den Kriegswirren in seiner Heimat, und befreit das Genre somit vom Vorwurf, es sei eskapistisch und betreibe naive Schönfärberei.
In «A Peck on the Cheek» behandelt Ratnam den Konflikt zwischen den tamilischen und singhalesischen Gruppen auf Sri Lanka – für beide Seiten kein rühmliches Blatt der Geschichte. Dabei ist der rote Faden die Unschuld: Ein adoptiertes Mädchen aus dem indischen Tamil Nadu macht sich im Alter von neun Jahren auf den Weg nach Sri Lanka, um dort seine biologischen Eltern zu finden, welche im Durcheinander des Bügerkriegs verschwunden sind.
Das entstandene Werk – ein Kriegsfilm, in dem gesungen und getanzt wird – bedingt eine Angleichung des westlichen Auges an die indische Filmkultur und an deren Konventionen. Denn nur wer das Nebeneinander von übermütiger Schmachtfetzerei und überdeutlicher Antikriegsmessage goutieren mag, bekommt den Blick frei auf ein wunderschönes Werk, und auf P. S. Keertana, eine für ihr Alter immens talentierte Hauptdarstellerin.

Regie Mani Ratnam
Darsteller P.S. Keertana, R. Madhavan, Delhi Kumar, Nandita Das
Buch Mani Ratnam
Kamera Ravi K. Chandran
Produktion Indien, Sri Lanka 2002
Dauer 136 Min.
Genre Drama, Musical
Offical Site http://kannathil.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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