Filmarchiv

Far From Heaven

Ein sehr ernst gemeintes Melodrama

Julianne Moore begeistert als perfekte, aber geforderte Hausfrau. Todd Haynes ist ein wunderschönes Kunstwerk gelungen, das von der Form wie auch vom Inhalt her besticht.

Von Brigitte Häring

Von der amerikanischen Kritik wurde dieser Film über alle Massen gelobt (die New York Times nannte ihn gar «göttlich»), und auch den Europäern scheint er zu gefallen. In Venedig gewann Julianne Moore als beste Darstellerin den Goldenen Löwen und Edward Lachman die Auszeichnung für die beste Kamera. Selten sind sich Kritiker rund um den Erdball so einig, selten löst ein Film bei gestandenen, normalerweise ihre Texte immer etwas gedämpft haltenden Kritikern derartige Begeisterungsstürme aus. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie haben Recht, dieser Film ist wirklich ein Schmuckstück.
«Far From Heaven» spielt in den 50ern, genauer im Herbst 1957 in Hartford, Connecticut. Regisseur Todd Haynes lässt seinen Film aber nicht nur in der Zeit der Pettycoats spielen, er präsentiert uns ein Werk, das ganz (und wirklich bis ins letzte Detail) im Stil eines Filmes dieser Zeit gemacht ist: von der Ausstattung zur Kameraführung, von der Sprache der Schauspieler bis zur Musik, die praktisch jeder Szene unterlegt ist; ja sogar das heute noch so selten benützte Format des Films erinnert an die Melodramen der 50er.

Glückliche Familien, schöne Autos

«Far From Heaven» spielt in einem schicken Vorort, in dem glückliche Familien mit schönen Autos wohnen. Sogar die Natur scheint hier schöner zu sein als anderswo: Der Indian Summer lässt die Bäume in allen erdenklichen Schattierungen von Gelb bis Rot leuchten. Cathy und Frank Whitaker (Julianne Moore und Dennis Quaid) sind in der Hartforder Gesellschaft als «Mr. and Mrs. Magnatech» bekannt. Frank ist Chef der erfolgreichen Magnatech TV Sales Company, seine Frau gibt Cocktailparties für die feine Gesellschaft und posiert auf den Werbeplakaten der Firma. Kein Wunder, wird über die perfekte Familie ein Porträt für die lokale Klatschspalte geschrieben. Unter der glänzenden Oberfläche allerdings stimmt einiges nicht: Frank ist homosexuell, der Psychiater redet von einer sehr kleinen «Heilungschance». Gleichzeitig findet Cathy in ihrem farbigen Gärtner einen Freund, mit dem sie sich aussprechen kann und der ihre freundschaftliche Zuneigung erwidert. Doch «gesehen werden» mit einem «Negro» ist in der Hartforder Gesellschaft nicht unbedingt Werbung für ein perfektes Leben.

Hommage ans grosse Melodrama

Todd Haynes nimmt seine Figuren, ihre Geschichten, die Gesellschaft und die Zeit, in der sie leben, ernst. Keine Spur von Ironie und Parodie ist zu spüren. Doch auch vom moralischen Zeigefinger ist der Film meilenweit entfernt. Akribisch genau spürt Haynes der Gesellschaft der 50er-Jahre nach, um sie ohne grosse Töne, ohne Helden und Antihelden ins Bild zu rücken. Entscheidende Nuancen sind es, die ihn vom platten Kitsch entfernen – so zum Beispiel die unterschiedliche Gewichtung von verwerflichem Verhalten in der Gesellschaft: Franks Homosexualität ist zwar schlimm, kann aber einigermassen kaschiert und damit akzeptiert werden. Cathys Freundschaft mit einem Farbigen jedoch ist in der Zeit schlicht unmöglich.
Haynes Verdienst ist es, nicht nur seine Figuren ernst zu nehmen, sondern der Zeit der grossen Melodramen ein Denkmal zu setzen, statt diese der Lächerlichkeit preiszugeben. Pate haben dabei die zeitgenössischen Filme von Douglas Sirk gestanden. Wenn «Far From Heaven», der mit der Kamerafahrt über Herbstlaub begonnen hat, mit dem Blick über Frühlingsknospen endet, macht sich Zufriedenheit und Hoffnung breit: Es muss im Kino nicht immer alles nur schneller, lauter, rauer oder absurder werden. Das beweist dieses Wunderwerk.

Regie Todd Haynes
Darsteller Julianne Moore, Dennis Quaid, Dennis Haysbert
Buch Todd Haynes
Kamera Edward Lachman
Produktion USA/Frankreich
Dauer 107 Min.
Genre Melodrama
Offical Site http://www.farfromheavenmovie.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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