Filmarchiv

Angel On the Right

Verlorener Sohn

Hartes Leben und Märchenhaftes verbinden sich zu einer eigenwilligen Parabel.

Von Brigitte Häring

Ein alter tadschikischer Glaube besagt, dass jeder Mensch in seinem Leben von zwei Engeln begleitet sei. Der Engel auf der rechten Schulter notiert die guten Taten, derjenige auf der linken die schlechten. Am Ende des Lebens wird anhand dieser Taten entschieden, ob der oder die Verblichene in den Himmel oder in die Hölle kommt. «Angel On the Right» ist der erste von zwei geplanten Filmen des tadschikischen Regisseurs Jamshed Usmonov, «Angel On the Left» wird folgerichtig der zweite heissen.
Die alternde Halima (Uktamoi Miyasarova) macht sich Sorgen: Ihr Sohn Hamro (Maruf Pulodzoda) ist vor einigen Jahren nach Russland aufgebrochen, um sein Glück zu suchen. Das Haus im Dorf Asht ist nicht fertig gebaut, nur die eine Hälfte der einst beim Dorfschreiner in Auftrag gegebenen kunstvollen Holztür montiert. Halima befürchtet, ihr Sarg könne durch das zu schmale Tor nicht hinausgetragen werden. Mit einer List lockt sie den Sohn zurück – sie stellt sich sterbend. Hamro reist unverzüglich in seinen Geburtsort zurück und bringt Haus und Tor in Ordnung. Nicht seiner Mutter zuliebe allerdings, sondern um es nach deren Ableben verkaufen zu können – denn er ist überall verschuldet. Doch entgegen seinen Plänen ist die Mutter nach der Renovation wieder gesund und er hat zu allem Überfluss und Überdruss noch einen unehelichen Sohn am Hals.
«Angel On the Right» ist eine Rückkehr des Regisseurs zu seinen Wurzeln: Asht ist sein eigenes Dorf, die Hauptrollen werden von seiner Mutter und seinem Bruder gespielt. Reales Dorfleben im zentralasiatischen Land vermischt sich mit parabelhaften Geschichten über Leben und Tod, Geschichten, in denen ein Telefongespräch mit Gott selbstverständlich sein kann. Rau, ungeschliffen und hart erscheint das Leben dort für mitteleuropäische Gewohnheiten. Fast ist man versucht, sich von dieser gewaltbereiten, überaus patriarchalen, aber auch von grosser Armut und Einfachheit geprägten Kultur abzuwenden, nicht hinzuschauen – wären da nicht diese poetischen, märchenhaften Momente, wäre da nicht die intensive Kraft der Darsteller, wäre da nicht die gelungene Parabel über Gut und Böse, die nicht in eindeutigen Zuschreibungen verharrt, sondern sich permanent hinterfragt und sich nicht in die Geborgenheit eines Happy Endes flüchtet.

Regie Jamshed Usmonov
Darsteller Uktamoi Miyasarova, Maruf Pulodzoda, Kova Tivapur, Mardonkul Kulbobo, Malohat Maqsumova
Buch Jamshed Usmonov
Kamera Pascal Lagriffoul
Produktion Tadschikistan/Frankreich/Italien/Schweiz 2002
Dauer 89 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

Zurück



Top   Druckversion   Seite als Hotlink speichern
Meine Seitenbewertung