Filmarchiv

Ich hiess Sabina Spielrein

C.G. Jungs erste Patientin

Der Film erschliesst neue Blickwinkel auf die Geschichte der Psychoanalyse.

Von Brigitte Häring

Ende der 70er-Jahre wurden im Keller des Rousseau-Institutes in Genf Briefe und Tagebücher einer gewissen Sabina Spielrein gefunden. Das Material, bestehend aus Briefwechseln mit Freud und Jung und aus eigenen Aufzeichnungen, eröffnete spannende neue Einblicke in die Frühgeschichte der Psychoanalyse und vor allem in die Beziehung zwischen Freud und Jung.
Der Film der Regisseurin Elisabeth Márton rollt die Geschichte der hochintelligenten Russin Sabina Spielrein, die als erste Patientin Jungs in die Geschichte einging, anhand der Dokumente auf. Spielrein, die später selber Medizin studierte und wichtige Untersuchungen zur Kinderpsychologie und -psychiatrie machte, war Patientin in der Nervenklinik Burghölzli in Zürich. 1905 schrieb der noch sehr junge Jung verzweifelt an seinen Mentor Freud in Wien: «Während der Behandlung hatte die Patientin die Malchance, sich in mich zu verlieben.» Die «Übertragung» als Phänomen in der Psychoanalyse war entdeckt. Was Jung damals noch verschwieg: Auch die so genannte Gegenübertragung hatte schon stattgefunden – der junge Arzt befand sich im Dilemma, sich ebenfalls in seine Patientin verliebt zu haben.
«Ich hiess Sabina Spielrein» ist ein Film, der einerseits der Biographie dieser so lange nur als Figur im Schaffen Jungs und Freuds präsenten Frau auf die Spur kommen möchte, der aber zugleich versucht, einen Teil der Geschichte der Psychoanalyse neu zu schreiben: mit den klassischen Mitteln des Dokumentarfilms, aber auch mit nachgespielten, historisierten Szenen. Ein etwas unglücklich montiertes Flickwerk entsteht, das sich einerseits psychiatriehistorischen und biographisch relevanten Fakten widmen möchte, andererseits eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Misstrauen und Rivalität erzählen möchte.
Der pathetisch-melancholische Duktus, mit dem Briefe und Tagebucheintragungen vorgelesen werden, verstärkt den melodramatischen Anspruch, den diese durchaus spannende Dokumentation nicht nötig hätte. Sieht man von der etwas unglücklich gewählten Form der Mischung von gespielten Szenen und Dokumentation ab, findet man ein durchaus interessantes Werk über eine Frau, die die Frühgeschichte der Psychoanalyse entscheidend mitprägte, sei es als Studienobjekt, sei es als Geliebte, sei es als wissenschaftliche Partnerin in Briefwechseln.

Regie Elisabeth Márton
Darsteller Eva Ästerberg, Lasse Almbeck
Buch Elisabeth Márton, Signe Maehler, Yolande Knobel
Kamera Robert Nordström
Produktion Schweiz/Schweden/Dänemark/Finnland 2002
Dauer 90 Min.
Genre Dokudrama
Offical Site http://www.sabinaspielrein.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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