Filmarchiv

25th Hour

Nur noch 24 Stunden Freiheit

Spike Lees sehenswerter Film erzählt die spannende Geschichte eines Drogendealers, der sein Leben ordnen und seine Gefühle in den Griff bekommen will, bevor er ins Gefängnis muss.

Von Karin Müller

Monty Brogan (Edward Norton) ist ein liebenswürdiger Typ mit einem Herz für Tiere. Er ist auch ein erfolgreicher ehemaliger Drogendealer, der verraten wurde und nun noch 24 Stunden Zeit hat, bevor er für sieben lange Jahre ins Gefängnis muss, falls er nicht noch beschliesst, unterzutauchen. Den Tag und die Nacht will er dazu nutzen, sich von seinem Vater (Brian Cox), seiner Freundin Naturelle (Rosario Dawson) und seinen beiden ältesten und besten Freunden, dem Wall-Street-Broker Slaughtery (Barry Pepper) und dem Highschool-Lehrer Jacob (Philip Seymour Hoffman), zu verabschieden. Und er will herausfinden, wer ihn bei der Polizei verpfiffen hat, denn er hegt einen bösen Verdacht.

Differenzierte Figurenzeichnung

New York hat nach dem 11. September 2001 nichts von seiner Faszination eingebüsst und eignet sich, wie «Manhattan Love Story» beweist, bereits wieder als Ort für romantische Liebesgeschichten. Auch die Handlung von Spike Lees neuem Film «25th Hour» spielt wieder in dieser Stadt. Aber: «Wir wären verantwortungslose Künstler, hätten wir diesen Film in New York City gedreht und die Leute herumgehen lassen, wie wenn der Anschlag auf das World Trade Center nie stattgefunden hätte», sagt der Regisseur. Lee macht jedoch keine politisch-patriotischen Statements, vielmehr dient Manhattan mit der Narbe «Ground Zero» als eine Art Seelenlandschaft, die die Befindlichkeit der Hauptfiguren spiegelt. Diese wiederum erlauben einen Einblick in die grossstädtische amerikanische Gesellschaft nach «9/11». Etwa, wenn Slaughtery mit Jacob in seiner Wohnung am Panoramafenster steht, von dem aus man direkt auf Ground Zero hinuntersieht, und die zwei sich fragen, ob sie Monty je wiedersehen werden.
Eine der Stärken von «25th Hour» sind die differenzierten Charaktere. Alle sind sie ebenso sympathisch wie abstossend. Monty, der aussieht und sich benimmt wie der nette, harmlos-bescheidene junge Mann von nebenan und sich als skrupelloser Drogendealer ein luxuriöses Leben finanzierte, ist eine Paraderolle für Edward Norton. Seine Freunde sind zwar nicht kriminell, haben aber durchaus ihre «unschönen» Seiten: Slaughtery ist ein rücksichtsloser, ichbezogener Börsenhai und Jacob träumt davon, eine seiner minderjährigen Schülerinnen zu verführen. Montys Vater und Naturelle schliesslich profitieren direkt von Montys Drogengeschäften und akzeptieren sie stillschweigend.

Amerikanischer Freiheitsmythos

Spike Lee zeigt auf glaubwürdige Weise Menschen, die, an einem Wendepunkt angekommen, ihre Beziehungen überdenken und neu knüpfen und versuchen, mit dem Leben klarzukommen, mit der Vergangenheit und der Gegenwart und den (falschen) Entscheidungen, die sie getroffen haben.
Interessant ist auch, wie der Regisseur Gefühle in Bilder umsetzt. Die furiose Sequenz, in der Lee zeigt, wie Monty mit einer wortreichen Hasstirade alle anderen für seine Situation verantwortlich macht, um am Ende doch bei sich selber zu landen, und die Szene, die dem Kuss zwischen Jacob und seiner Schülerin folgt, gehören zu den gelungensten des Films.
«25th Hour» ist eine unsentimentale, in der heutigen Wirklichkeit verankerte Geschichte, die am Ende in einer melancholischen Vision, die von Montys Vater ausgemalt wird, einen anachronistischen amerikanischen Freiheitsmythos als Traum entlarvt.

Regie Spike Lee
Darsteller Edward Norton, Barry Pepper, Philip Seymour Hoffman
Buch David Benioff
Kamera Rodrigo Prieto
Produktion USA 2002
Dauer 134 Min.
Genre Drama
Offical Site http://25thhour.movies.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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