Filmarchiv

About Schmidt

Nur ein gewöhnlicher Pensionär

Jack Nicholsons hervorragende Darstellung des alternden Durchschnittsmenschen Schmidt ist ein Hochgenuss, der Film wohltuend zynisch und dennoch sensibel.

Von Brigitte Häring

Warren Schmidt (Jack Nicholson) ist 66 Jahre alt, seit 42 Jahren mit seiner Frau Helen (June Squibb) verheiratet und Vater der erwachsenen Tochter Jeannie (Hope Davids). Ein durch und durch normaler Mensch also, dessen Leben in geordneten, wenig aufregenden Bahnen verläuft, wie wohl das einer Mehrheit aller Menschen – nicht nur in Omaha. In Schmidts Geschichte geschieht eigentlich wenig, was wir gemeinhin als «filmreif» bezeichnen würden, und dennoch ist «About Schmidt» ein wunderbarer Film geworden. Einer, der die Mechanismen eines relativ einförmigen Lebens aufzeigt, Schwächen und Stärken der alternden Hauptfigur mit schonungsloser genauester Beobachtung verfolgt und aus Schmidts Geschichte etwas zwischen Roadmovie, Komödie und Familiendrama macht. Das Resultat, das am ehesten mit europäischem Darstellerkino vergleichbar ist, kann sich sehen lassen; Nicholson ist dementsprechend auch für den Oscar als bester Darsteller nominiert.

Rätselheft statt Kassenbuch

Es sind mehrere Faktoren, die diese durch und durch normale Geschichte zu einem besonderen Vergnügen machen. Zum einen ist da Nicholson, dem die Figur des etwas langsamen und zeitweise leicht trotteligen Warren Schmidt auf den Leib geschrieben ist. Da ist aber auch die Art und Weise, wie Regisseur Alexander Payne die Geschichte – die auf dem Roman «Schmidt» von Louis Begley basiert – in Szene setzt, in welchem Tempo er sie erzählt. Und da sind die vielen verschiedenen Atmosphären des Films, die aus kleinen, alltäglichen Situationen entstehen, seien es traurige, seien es lustige, seien es nachdenkliche Momente.
Schon die Eingangssequenz ist wunderbar: Schmidt, der sein Leben lang bei derselben Versicherung, zuletzt als oberster Buchhalter, gearbeitet hat, sitzt schweigend in seinem Büro, den Blick auf die Zeiger der Wanduhr geheftet. Um Punkt fünf Uhr steht er auf und verlässt den Raum, in den er nun nicht mehr zurückkehren wird. Dennoch steht er jeden Morgen auf und setzt sich mit grosser Ernsthaftigkeit an seinen Schreibtisch, um statt Kassenbücher nun Rätselhefte auszufüllen.

Zwischen Komik und Ernst

In langen Briefen an sein «Patenkind» Ndugu in Afrika legt er sein Innenleben dar und gesteht, sich manchmal zu fragen, wer denn die alte Frau sei, die neben ihm im Bett schlafe. Doch der etwas langweilige Trott, das geruhsame Pensionsleben mit seiner Frau gerät aus den Fugen, als Helen plötzlich stirbt. Der hilflose alternde Mann droht zu verwahrlosen – doch dann beschliesst er, seine verbleibende Zeit zu nutzen und etwas Sinnvolles zu tun. Er will seine Tochter Jeannie von der Heirat mit dem etwas allzu einfach gestrickten Wasserbettverkäufer Randall (Dermont Mulroney) abbringen. Mit dem Wohnmobil, das für die gemeinsame Pensionszeit mit seiner Frau angeschafft wurde, macht er sich auf den Weg.
Mit sehr viel Witz, aber auch mit vielen Momenten, in denen das Lachen im Hals stecken bleibt, folgt die Geschichte der tragikomischen Figur Warren Schmidt. Trotz der dargestellten Mediokrität der Menschen, trotz der einen oder anderen grotesken oder gar zynischen Zeichnung macht sich der Film nie übermässig lustig über die Menschen, denen Schmidt begegnet. «About Schmidt» schafft es, die Balance zu halten zwischen komisch und ernsthaft, wird nicht verletzend und ist dennoch weit davon entfernt, selber ein normaler mittelmässiger Film zu sein.

Regie Alexander Payne
Darsteller Jack Nicholson, Hope Davis, Kathy Bates
Buch Alexander Payne & Jim Taylor, nach einem Roman von Louis Begley
Kamera James Glennon
Produktion USA 2002
Dauer 124 Min.
Genre Drama/Komödie
Offical Site http://www.aboutschmidtmovie.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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