Filmarchiv

8 Mile

Rappen für ein besseres Leben

Skandalrapper Eminem gibt in Curtis Hansons sehenswertem Film eine überzeugende Vorstellung als sensibler junger Mann, der mit seiner Musik den sozialen Aufstieg schaffen will.

Von Karin Müller

Curtis Hanson ist nicht nur ein erfolgreicher, sondern auch ein vielseitiger Regisseur, nach «L.A. Confidential» und «Wonder Boys» drehte er jetzt einen Film im Hip-Hopper- und Rapper-Milieu. Mit keinem Geringeren als mit Rap- und Hip-Hop-Superstar Eminem arbeitete er für «8 Mile» zusammen. Das Image des Bürgerschrecks dürfte sich mit dieser ersten Filmrolle zum Guten gewandelt haben und damit auch mehrheitsfähig geworden sein, denn vom Kettensägen schwingenden Skandalmusiker ist hier nichts mehr zu sehen. Eminem spielt in dieser halbautobiographischen Geschichte einen sensiblen jungen Mann, der versucht, mit seinen Songs der Armut zu entkommen und sich dabei gegen die erdrückende schwarze Konkurrenz durchsetzen muss.

Die Realität übertrifft die Fiktion

Die 8-Mile-Road trennt in der Industriestadt Detroit die weissen Vororte von dem vorwiegend von Schwarzen bevölkerten Zentrum der Stadt, also die Reichen von den Armen. Auch Jimmy (Eminem) wuchs auf der falschen Seite auf und lebt mit seiner Mutter Stephanie (Kim Basinger) und seiner kleinen Schwester in einer trostlosen Wohnwagensiedlung. Er und seine Familie sind, was man in den USA als «white trailer trash» zu bezeichnen pflegt. Einer seiner Freunde ist Future (Mekhi Phifer), der so genannte Rap-Battles veranstaltet. Mit der Hoffnung, entdeckt zu werden, treten dabei jeweils zwei Konkurrenten gegeneinander an und versuchen, sich mit improvisierten Texten, in denen die Gegner nach allen Regeln der Kunst geschmäht werden, Ansehen und Erfolg zu verschaffen. Jimmy hat es besonders schwer, akzeptiert zu werden, denn er ist weiss.
Wie die Erfolgsstory in Wirklichkeit verlief, ist bekannt. Der heute 30-jährige Eminem fiel 1998 dem Produzenten Dr. Dre auf und machte eine ebenso beispiellose wie umstrittene Karriere. Sein Album «The Slim Shady LP» etwa gewann dreimal Platin. Eminem wurde mit Preisen der Musikbranche überhäuft, und natürlich stammt auch der Soundtrack zu «8 Mile» von ihm und verkauft sich wie warme Semmeln. Für einmal aber ist die Realität grösser als die Fiktion, denn die Handlung von «8 Mile» ist keine eigentliche Aufstiegsgeschichte, sondern mehr die einer inneren Entwicklung. Am Ende hält Jimmy weder das lang ersehnte Demoband geschweige denn einen Plattenvertrag in Händen, ist dafür aber um einige Erkenntnisse reicher.

Beklemmende Grundstimmung

Einen Erfolg kann Jimmy trotzdem verzeichnen, und der bildet den dramaturgisch äusserst gelungenen Höhepunkt des Films. An einer Rap-Battle scheint alles gegen ihn zu laufen. Wie Jimmy es schafft, das Publikum dennoch auf seine Seite zu ziehen, ist höchst unterhaltend und markiert zugleich den Wendepunkt im Leben der Hauptfigur. Jimmy geht sozusagen geläutert aus der verbal-musikalischen «Schlacht» hervor.
Es ist jedoch nicht nur Eminems zurückhaltende, überzeugende Vorstellung, die «8 Mile» sehenswert macht. Selten hat man in einem Hollywoodfilm die tristen, verslumten Vororte der USA in einem derart beklemmenden Licht gesehen. Trotz der positiven Signale, die durch die persönliche Entfaltung der Hauptfigur gesetzt werden, gelingt es Curtis Hanson, die Hoffnungslosigkeit zur Grundstimmung seines Films zu machen. Die Busfahrten, die an unzähligen Häuserruinen vorbei durch verwahrloste Viertel führen, erinnern immer daran, dass es der Einzelne wohl schaffen kann, Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität hinter sich zu lassen, dass sich dadurch jedoch an den grundsätzlichen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Strukturen, die die Wurzel des Übels bilden, nichts ändert.

Regie Curtis Hanson
Darsteller Eminem, Kim Basinger, Mekhi Phifer, Brittany Murphy
Buch Scott Silver
Kamera Rodrigo Prieto
Produktion USA 2002
Dauer 110 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.8-mile.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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