Filmarchiv

Amélie de Montmartre

Gartenzwerg auf Reisen

Die unglaubliche Erfolgsgeschichte eines französischen Alltagsmärchens von Jean-Pierre Jeunet lässt nicht einmal den Präsidenten Jacques Chirac kalt.

Von Brigitte Häring

Wenn ein kleiner französischer Film in einem Monat von fast sieben Prozent der französischen Bevölkerung gesehen wird, ist das schon eine Sensation. Das muss sich auch das Staatsoberhaupt des Landes gedacht haben, hat er sich doch das kleine Meisterwerkchen im Elysée-Palast vorführen lassen.

Nicht ein Unbekannter ist es, der diese Sensation vollbracht hat: Jean-Pierre Jeunet hat sich mit "Délicatessen" einen Namen gemacht und mit "Alien Resurrection" hollywoodsche Sporen verdient. Doch es ist nicht diese Biographie, die "Amélie de Montmartre" (eigentlicher Titel: "Le fabuleux destin d'Amélie Poulain") zum grossen Erfolg gemacht haben. "Amélie" ist einfach eine warmherzige Geschichte mit einer bezaubernden Hauptdarstellerin (Audrey Tautou), witzig und skurril, gedreht in einer der charmantesten Städte der Welt. Schliesslich gibt es nichts Schöneres, als in einer lauen Sommernacht fröhlich und glücklich aus dem Kino zu kommen - auch wenn (oder vielleicht gerade weil) alles nur ein schönes Märchen ist.

Eine kleine Kellnerin spielt Schicksalsfee

Als junge Frau nun lebt Amélie - die als Kind geglaubt hat, Schallplatten würden wie Crèpes hergestellt, und zusehen musste, wie ihre Mutter vor der Nôtre Dame starb - ein ruhiges Leben, arbeitet als Kellnerin in einem Bistro in Montmartre und besucht ab und zu ihren Vater, dessen ganze Aufmerksamkeit allerdings einem Gartenzwerg gehört. Doch ihr Leben gewinnt plötzlich an Dynamik, als sie in ihrer Wohnung einen alten "Bubenschatz" findet und beschliesst, dessen Besitzer aufzutreiben.

Sie beginnt, Schicksalsfee zu spielen und die Leute in ihrer Umgebung glücklich zu machen: Dazu gehören Besuche beim "Mann aus Glas", der seine Wohnung nicht verlässt und immer dasselbe Renoir-Bild malt, das freche Verkuppeln des griesgrämigen Stammgastes mit der hypochondrischen Tabakverkäuferin, auch die Bestrafung des bösen Gemüsehändlers - durch das Vertauschen von Fusscrème und Zahnpasta beispielsweise -, der seinen leicht behinderten Gehilfen schlecht behandelt.

Das eigene Glück in der Liebe gefunden

Schliesslich schickt Amélie den Gartenzwerg des Vaters auf Reisen, um diesen selber aus seiner Isolation zu reissen. Doch ihre Strategie, andere glücklich zu machen, um dabei nicht an ihr eigenes ereignisloses Leben denken zu müssen, wird über den Haufen geworfen, als sie den seltsamen Nico (Matthieu Kassovitz) trifft und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Nico verbringt seine Freizeit damit, ganze Alben mit liegen gelassenen Passfotos zu füllen. Gleichzeitig sucht er einen geheimnisvollen Unbekannten, dessen Fotos er immer wieder findet.

"Amélie de Montmartre" (official site) ist eine erfrischend freche Geschichte in einem - zugegeben idealisierten und musealisierten - familiären Quartier. Dass die Erfüllung der Wünsche seltsam leicht vor sich geht, dass die Figuren des Filmes gezeichnete Figuren bleiben und dass dieses Montmartre nicht dem "echten" Montmartre entspricht - das ist der Geschichte, die als skurriles und sorgenfreies Märchen daherkommt, nicht zu verdenken. Die Kritik einiger französischer Feuilletonisten, die vor allem nach dem Wohlgefallen des konservativen Präsidenten am Film einsetzte, muss uns nicht kümmern - dieser Film garantiert einen Abend des fröhlichen Gelächters, der Tränchen der Rührung und des wohligen Kuschelns in den Kinosessel. - Ach, sind Märchen schön!

Regie Jean-Pierre Jeunet
Buch Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant
Kamera Bruno Delbonnel
Musik Yann Tiersen
Produktion F/D 2001
Dauer 120 Min.
Genre Komödie/Romance

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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