Filmarchiv

187

Ist die Zukunft weiblich?

Pessimistisches Schuldrama: «187» von Kevin Reynolds

Von Christoph Rácz

Nach dem Drehbuch eines ehemaligen Lehrers entstand das Schulhofdrama «187» («One-Eight-Seven»). Regisseur Kevin Reynolds erschafft eine düstere Atmosphäre. Die Frage, ob Gewalt nur durch Gegengewalt gebannt werden kann, bleibt offen. Dennoch lässt Reynolds am Schluss einen Hoffnungsschimmer aufglimmen.

Eigentlich hat er Ideen, Engagement und Energie. Der Physiklehrer Trevor Garfield (Samuel L. Jackson) fährt nicht nur mit dem Fahrrad quer durch New York und sogar durchs Brooklyner Schulhaus zu seinem Klassenzimmer. Er nutzt das Velo auch als Demonstrationsmittel, um seiner Klasse anschaulich die Zentripetalkraft vorzuführen. Damit kann er Dennis aber nicht beeindrucken. Wegen Garfields schlechter Benotung wird er endgültig von der Schule fliegen. Deshalb greift er zum Messer und sticht den Lehrer am hellichten Tag im Schulkorridor brutal nieder

Unmittelbar vor der Tat hat er ihn gewarnt, hat ein Buch mit Garfields Namen und der Zahl «187» (official site) vollgeschmiert. 187, ursprünglich der kalifornische Polizeicode für Mord, ist als mehr oder weniger verschlüsselte Morddrohung in die Sprache amerikanischer Jugendgangs eingegangen. Der Code «187» oder «One-Eight-Seven» gibt dem Film auch den Titel und signalisiert, dass Regisseur Kevin Reynolds und Drehbuchautor Scott Yagemann einen möglichst authentischen Film drehen wollten.

Nicht ohne Stereotypen

Die düstere Atmosphäre und das fehlende Happy-End unterstützen den Realismus der Geschichte. Doch in der Zeichnung der Jugendlichen haben sich einige Stereotypen eingeschlichen. Gefühllose Gangboys hier, die talentierte aber mutlose Rita (Karina Arroyave) dort. Im Zentrum von «187» steht die Figur des Trevor Garfield und seine eigentümliche Wandlung. Fünfzehn Monate nach der Tat finden wir ihn in Kalifornien wieder, wie er voller Angst eine Stellvertretung an einer Schule beginnt, die noch gewalttätiger scheint als sein vorheriger Arbeitsplatz.

Samuel L. Jackson, einer der profiliertesten schwarzen Darsteller im gegenwärtigen amerikanischen Kino, gestaltet seine unheimliche Rolle mit der nötigen Sprödheit und Härte. Reynolds erzählt die Geschichte oft aus Garfields Wahrnehmung, die er ausgiebig mit Zeitlupenaufnahmen verstärkt. Als Gangmitglied Cesar (Clifton Gonzalez Gonzalez) mit verstümmelter Hand aufgefunden wird, wird die Ahnung zur Gewissheit, dass der vordergründig engagierte Lehrer sich in Wirklichkeit zu einem Racheengel eigener Gnaden verwandelt und das Prinzip «Aug? um Auge, Zahn um Zahn» zur Handlungsmoral gewählt hat.

Reynolds stellt diese Haltung immerhin in Frage, doch am Schluss lässt er die Kritik an ihr offen. Andererseits bleibt er nicht in einem vordergründigen Gewaltdrama stecken, sondern kritisiert auch das Schulsystem auf verschiedenen Ebenen, insbesondere in Gestalt der Schuldirektoren, die sich unsolidarisch zur Lehrerschaft und ängstlich und nachgiebig den Schülern gegenüber verhalten. So führt denn diese Mischung aus Jugendgewalt, Gegengewalt und Ratlosigkeit zu einer fatalen Explosion, die in ihrer Schockwirkung so gewollt wie fragwürdig ist.

Schwache Hoffnung

Wenn am Ende die Absolventinnen und Absolventen der High School sich in ihren dunkelvioletten Talaren zur Abschlussfeier aufreihen, kommt keine rechte Freude auf. Hinter dem Zaun steht mit traurigem Blick einer der beiden Überlebenden aus Cesars Gang und wir wissen nicht, ob der erlebte Schock für ihn ein heilsamer war oder das Gegenteil. Auf der Tribüne aber erhält Rita ihre Chance. Und mit ihrer selbstbewussten Rede legt Drehbuchautor Scott Yagemann einen schwachen Hoffnungsschimmer über das düstere Ende eines düsteren Films.

Regie Kevin Reynolds
Buch Scott Yagemann
Kamera Ericson Core
Produktion USA 1997
Dauer 119 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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