Filmarchiv

2046

Im Hotel der einsamen Herzen

Nach «In the Mood for Love» begibt sich der Hongkonger Regisseur Wong Kar-wai ein weiteres Mal in die fiebrige und zugleich unterkühlte Welt des unglücklichen Verliebtseins.

Von Georges Wyrsch

Bereits während seiner Entstehung sorgte das neue Werk von Wong Kar-wai in der Filmpresse für so viel Gesprächsstoff wie einst die Projekte von Stanley Kubrick. Von einem exorbitanten Budget war die Rede, von der Verhaftung eines Hongkonger Journalisten, der unbefugt das Filmset fotografiert hatte, vom Superstar Maggie Cheung, deren Rolle anscheinend der Schere zum Opfer gefallen war, und schliesslich von einer Premiere im Rahmen des Wettbewerbs von Cannes, die mit reichlich Verspätung starten musste, weil die Kopie von «2046» erst in letzter Minute und Gerüchten zufolge nicht einmal zu Ende geschnitten eintraf.
Dieser unrühmlichen Vorgeschichte ist es wohl zu verdanken, dass der Film in Cannes schlussendlich leer ausging und einen Grossteil der Kritiker auf Distanz gehen liess. Lange genug hatte man die filmgeschichtliche Bedeutung von Wong Kar-wais Werken in aller Form hervorgehoben – jetzt aber schien der Mann das Opfer seiner eigenen perfektionistischen Arbeitsweise geworden zu sein. Beim Betrachten der Endfassung von «2046» erweisen sich solche Mutmassungen derweil als vollkommen haltlos – der Film lässt sich vom Rummel um seinen Werdegang nichts anmerken; er strotzt gar vor innerer Ruhe.

Liebe als Zukunftsmodell

Thematisch wie inhaltlich betrachtet ist «2046» eine direkte Weiterführung von Wongs letztem Spielfilm «In the Mood for Love». Erneut geht es um unerfüllte Liebe, um unmögliche Liebe, um unglückliche Liebe, und auch diesmal befinden wir uns im Hongkong der Sechzigerjahre. Der verschlossene Chow (wiederum gespielt von Tony Leung) ist inzwischen Schriftsteller, und er schreibt in einem Hotelzimmer an einem Science-Fiction-Roman. Doch auch seine futuristischen und politischen Visionen werden schlussendlich bestimmt von seiner Gefühlswelt. Und so reflektiert auch das unter seiner Feder entstehende Buch in erster Linie die Faszination für das andere Geschlecht, und die Unfähigkeit, eine glückliche Beziehung aufzubauen.
Vielmehr als eine spannende Geschichte erzählt «2046» den inneren Werdegang eines zweifelnden und verbitterten Menschen, der versucht, seine Gefühle von aussen zu betrachten. Die Zukunft von Chows Roman ist nicht diejenige, die er sich erträumt oder erkämpft, sondern diejenige, in die er hineingetrieben wird, und die er zu verstehen versucht.

Sehnsucht als Utopie

Wong Kar-wai verknüpft in «2046» das Hongkong der Vergangenheit mit demjenigen der Zukunft, und es schimmert immer wieder durch, dass hier nicht nur der Werdegang eines Mannes thematisiert wird, sondern gleichzeitig auch das Schicksal einer ganzen Insel, die ihren Status als britische Kronkolonie gegen denjenigen einer Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China eintauschen wird. Direkt angesprochen wird dieser Umstand nie (wir sind wie gesagt in den Sechzigern), aber die Andeutungen sind unübersehbar.
In erster Linie ist «2046» jedoch ein Film, der nicht rational, sondern emotional betrachtet werden will. Wong Kar-wai setzt den Akzent bewusst auf traumhafte, oft fragmentarische Sequenzen, die er mit süsslicher Musik, bildhübschen Menschen und hauchenden Stimmen ausstattet, um dann plötzlich wieder einem nüchternen Ton Platz zu machen. Sein Film wirkt oft fiebrig, und dann wieder unterkühlt – der wankelmütige Thermostat wird zum Ausdruck einer Hin- und Hergerissenheit, wie sie nur in einem Zeitalter der Dekadenz wirklich Sinn zu machen scheint.

Regie Wong Kar-wai
Darsteller Gong Li, Tony Leung Chiu Wai, Takuya Kimura, Faye Wong
Buch Wong Kar-wai
Kamera Christopher Doyle
Produktion Hongkong 2004
Dauer 127 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.ocean-films.com/2046/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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