Filmarchiv

Der neunte Tag

Katholische Geschichtsklitterung

Volker Schlöndorff scheitert mit seinem neuen Film an seinem eigenen Anspruch und erliegt der Versuchung, seinen jesuitischen Lehrern ein allzu verherrlichendes Denkmal zu setzen.

Von Niklaus Schäfer

Volker Schlöndorff («Die Blechtrommel») hat sich in seiner Karriere als einer der bekanntesten deutschen Regisseure auf Literaturverfilmungen spezialisiert. Sein neuster Film basiert auf den Erinnerungen des luxemburgischen Abbé Jean Bernard («Pfarrerblock 25487»). «Der neunte Tag» erzählt die Geschichte von Henri Kremer (Ulrich Matthes), einem luxemburgischen Geistlichen. Von den NS-Besatzungsmacht wurde er nach Dachau deportiert. Nun gewähren ihm seine Peiniger «Urlaub». Er darf heim nach Luxemburg – allerdings nur für neun Tage. Der junge Gestapo-Chef Gebhardt (August Diehl), der sich ebenfalls als gläubigen Christen versteht, versucht, Kremer zur Kollaboration zu bewegen.
Gegenüber dem «Luxemburger Wort» sagte Schlöndorff, er wolle den Film so unprätentiös, konkret und präzise inszenieren wie Jean Bernards Tagebuch geschrieben ist: «Nicht wie in «Der Pianist» und «Schindlers Liste», mit diesem epischen Rahmen und 25’000 Häftlingen in Dachau, sondern so klein, wie er es darstellt, diese eine Baracke, diesen Block – dann kann man dies vielleicht glaubwürdig machen.»

Kirche in gutes Licht gerückt

Doch gerade an der ästhetischen Gestaltung scheitert der Film: Er zeigt zu viel – und doch zu wenig. «Der neunte Tag» scheitert am Anspruch, besser sein zu wollen als die Filme von Polanski und Spielberg. Sicherlich, Schlöndorffs Film stellt wichtige ethische Fragen, doch er sagt nichts über die Mechanismen, nichts über das Schweigen der katholischen Kirche. Seltsam anmutend erscheint auch die Tatsache, dass kein einziges Wort Lëtzebuergesch zu hören ist – und aus dem französischen Abbé Bernard wurde ein deutscher Kremer. Heim ins Reich?
«Der neunte Tag» mag zwar eine deutsch-luxemburgische Koproduktion sein, es ist aber ein durch und durch deutscher Film – und ein katholischer Film. Der luxemburgischen Mediengruppe saint-paul, der auch das «Luxemburger Wort» gehört, ging es wohl – wie auch dem Jesuitenzögling Schlöndorff selbst – in erster Linie darum, die katholische Kirche in ein gutes Licht zu rücken. Die katholische Kirche hat zudem den Gebrauch des Lëtzebuergeschen schon immer unterdrückt – zugunsten des Deutschen. Wohl nicht zu Unrecht hat Romain Hilgert im «Lëtzebuerger Land» geschrieben, der Film grenze an propagandistische Geschichtsfälschung. Bernard widmet in seinen Aufzeichnungen seinem Aufenthalt in Luxemburg nur wenige Zeilen, und er wurde schon bald darauf freigelassen.

Bildsprache wirkt antiquiert

Schlöndorff hat Michael Moore vorgeworfen, seine Filme seien unethisch. Der Versuchung, die Vergangenheit zu schönen, ist Schlöndorff aber ebenso anheim gefallen wie Moore, wenn er einen Irak zeigt, in dem vor dem Krieg eitel Freude und Friede herrscht.
Die Bildsprache von «Der neunte Tag» schliesslich ist eher antiquiert und wirkt zum Teil sogar unfreiwillig komisch. Der Titel von Costa-Gavras’ Hochhuth-Verfilmung «Amen.» würde zu diesem Film besser passen, denn im Gegensatz zum «Stellvertreter» ruft er nicht zum Handeln auf, sondern sanktioniert letztlich stilles Erdulden – ganz so, wie es der Kirche gefällt. Kremer mag zwar seine Mitgefangenen retten, indem er sich nicht gegen die Besatzungsmacht auflehnt, aber zugleich unternimmt er eben auch nichts.

Regie Volker Schlöndorff
Darsteller Ulrich Matthes, August Diehl, Bibiana Beglau, Hilmar Thate, Michael König, Germain Wagner, Jean-Paul Raths
Buch Andreas Pflüger, Eberhard Görner
Kamera Tomas Erhart
Produktion Deutschland, Luxemburg 2004
Dauer 97 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.derneuntetag.de/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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