Geschichte

Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von der Reformation bis zur Kantonstrennung

Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung
Die Bevölkerung der Stadt B. zählte um 1500 annähernd 10'000 Einw. Sie sank infolge der Pest von 1502 auf den seit dem 13. Jh. verm. tiefsten Stand von 4'500 Einw. und stieg bis zur Mitte des 16. Jh. wieder auf 9'000 bis kurzzeitig max. 10'000 Einw. an. Die Grenze von 10'000 Einw. wurde erst zu Beginn des 17. Jh. definitiv überschritten. Das langfristige Wachstum blieb bescheiden: Am Ende des 18. Jh. hatte B. 15'000 Einw. Charakterist. für die gesamte Entwicklung ist der Wechsel von Bevölkerungskrisen und Wachstumsphasen innerhalb eines Rahmens von ca. 6'000-12'000 Einw. Die starken Schwankungen in der Bevölkerungsentwicklung gingen in der Zeit bis 1668 einher mit den grossen Epidemien, von denen B. im Durchschnitt alle 14 Jahre heimgesucht wurde. Den Seuchen folgten in der Regel Jahrzehnte raschen Wachstums. Neuaufnahmen ins Bürgerrecht trugen wesentl. dazu bei, Verluste auszugleichen: Im 16. Jh. wurden insgesamt 9'400 Personen ins Bürgerrecht aufgenommen, im 17. Jh. noch 5'700 Personen. Die Eingebürgerten stammten mehrheitl. aus dem regionalen Umkreis. In der 2. Hälfte des 16. und bis in die Mitte des 17. Jh. kamen auch Zuwanderer aus Oberitalien, Frankreich und Lothringen. Unter ihnen waren Glaubensflüchtlinge; andere verlegten ihren Wohnsitz in Kriegszeiten aus wirtschaftl. Gründen. Nach dem letzten Pestzug 1668 verschwanden im 18. Jh. auch die dramat. Schwankungen in der Bevölkerungsentwicklung. Der Rat wurde mit Einbürgerungen sehr zurückhaltend, erliess entsprechende Beschlüsse und nahm zeitweise überhaupt keine Aufnahmen ins Bürgerrecht mehr vor. 1798 zählte die Stadt B. 14'678 Einw., die Volkszählung von 1815 ergab 16'674 Einw. Das städt. Siedlungsgebiet blieb bis ins 19. Jh. eingegrenzt durch den spätma. Mauergürtel und erfuhr auch keine tiefgreifende Umgestaltung der Quartierstruktur.

Wirtschaft
Die Handwerke und Gewerbe der Stadt B. waren den fünfzehn Zünften unterstellt und streng geregelt. Sie arbeiteten für die Kunden in der Stadt, für die eigene Landschaft mit ihren Märkten in Liestal, Waldenburg und Sissach sowie für die übrige Umgebung bis etwa zu den Messen in Zurzach und Strassburg. Die Kaufleute dagegen liessen sich durch Reglemente nicht allzu stark einengen. Sie mussten auch eine Zunft annehmen, hatten aber die Möglichkeit, je nach Geschäftstätigkeit mehreren anzugehören. Diese Mehrzünftigkeit erleichterte später die Entwicklung der Exportgewerbe ausserhalb zünft. Schranken. Das Papiergewerbe blieb bis ans Ende des 18. Jh. wichtig dank den Firmen Düring, Dürr und Heusler. Die Bedeutung des Buchdrucks ging nach 1550 zurück. Erst in der 2. Hälfte des 18. Jh. erlangte er, v.a. dank Johann Jakob Thurneysen d.J., wieder grössere Ausstrahlung.

Der Handel steigerte sich in der 2. Hälfte des 16. Jh. mit dem Transit zwischen Oberitalien und Flandern. Damals liessen sich unter den Glaubensflüchtlingen auch namhafte Vertreter der Seidengewerbe nieder (z.B. Battier, Passavant, Socin, Werthemann). Neben dem Seidenhandel betrieben sie die Spinnerei, Färberei, Band- und Samtweberei. Diese am Anfang kaum behinderten Gewerbe überlebten unter dem Einfluss der Zünfte nur als bescheidene Handwerke. Im Dreissigjährigen Krieg brachten weitere Flüchtlinge neue Handelsbeziehungen. Zudem war der Austausch zwischen Frankreich und dem Reich im 17. Jh. kriegsbedingt häufig erschwert und lief dann über neutrale Orte wie B. Einen Aufschwung erlebte infolgedessen der Handel mit franz. Modeartikeln; dazu kamen aus Holland importierte Tuche und Kolonialwaren.

Emanuel Hoffmann führte 1667 aus Holland den ersten Webstuhl ein, auf dem man statt einem gleichzeitig mehrere Seidenbänder verfertigen konnte. Schon in den Jahrzehnten davor hatten Kaufleute gegen den Willen der Zünfte auf der Landschaft Leute im Verlagssystem beschäftigt. Sie liessen Seidenbänder, vereinzelt auch Strümpfe und Tuche, herstellen und exportierten diese. In den 1670er Jahren fasste der Kl. Rat grundlegende Beschlüsse: Den zünft. Handwerkern blieb der regionale Markt vorbehalten. Die Kaufleute durften gegen eine fiskal. Abgabe für ihren Handel en gros weiterhin solche Textilien produzieren lassen, und der mehrgängige Bandwebstuhl konnte sich durchsetzen.

Abgesehen von vereinzelten Einbrüchen der Konjunktur entwickelte sich die Wirtschaft bis ins 19. Jh. hinein mit stetigem Erfolg. Die Seidenbandfabrikation beherrschte die Stadt und mit dem Verlagssystem auch Teile der Landschaft. Daneben bestanden mehrere ähnl. organisierte Strumpf- und Tuchfabriken, und in der 2. Hälfte des 18. Jh. entwickelte sich die Indiennefabrikation. Dazu kam ein vielfältiger Grosshandel v.a. mit Tuchen, Baumwolle, Eisen und Kolonialwaren. Weiter sicherten umfangreiche Kommissions- und Bankgeschäfte (Battier, De Bary, Ehinger, Ochs) einen zunehmend bedeutenderen Platz im internat. Handel.

Vom Wirtschaftskrieg Napoleons gegen England ("Kontinentalsperre") war v.a. die Seidenbandindustrie betroffen. Es gab jedoch auch Unternehmer, welche aus den preistreibenden Auswirkungen der Blockade Gewinn zu erzielen vermochten, unter ihnen Christoph Merian-Hoffmann. Dieser legte in jener Zeit den Grundstock für ein Riesenvermögen, das er später der noch heute bedeutenden Christoph-Merian-Stiftung vermachte.

Gesellschaft
Zwischen 1521 und 1529 setzte sich in der Stadt B. gleichzeitig mit der Reformation auch das Regiment der fünfzehn Zünfte durch. Die alte Führungsschicht der Adelsfam. und der von ihren Renten lebenden Achtburger verlor den polit. Einfluss, zog aus der Stadt weg oder verschmolz mit der übrigen Bürgerschaft. Für gut zwanzig Jahre herrschten die zünft. Handwerker, die im Übrigen ihre wirtschaftl. Privilegien unter Ausschluss fremder Konkurrenz bis ins 19. Jh. hinein weitgehend bewahren konnten. In Politik und Gesellschaft dagegen lag das Schwergewicht bald wieder bei den Kaufleuten und einigen reichen Handwerkerfam. Darunter konnten sich die Faesch und Merian am längsten halten. Dank ihrem Erfolg als Spediteure, in den Seidengewerben oder mit ihren neuen Handelszweigen stiegen manche Glaubensflüchtlinge bereits im 17. Jh. rasch in die städt. Oberschicht auf. Im frühen 17. Jh. begann auch der wirtschaftl. und gesellschaftl. Aufstieg der Fam. Hagenbach, Iselin, Burckhardt, Heusler und Hoffmann.

Die Verwaltung der Landschaft und der säkularisierten Kirchengüter ergab für einige Bürger einträgl. Posten, u.a. die Landvogteien. Es entstand im ausgehenden 16. Jh. eine kleine Gruppe von Berufsbeamten und wenigen aus fremden Diensten zurückgekehrten Offizieren. Sie lebten von Verwaltungsstellen und konnten dank dem Einfluss und den Machenschaften ihrer Fam. bis in die höchsten Ämter aufsteigen. Die zunehmende Oligarchie führte zwar nicht zur Bildung einer eigentl. Aristokratie, aber zur Herrschaft einer eng verschwägerten Gruppe unter Führung der Fam. Burckhardt und Socin. Skandalöse Umtriebe bei Wahlen und Missbräuche in der Verwaltung erregten den Widerstand eines Teils der in den Zünften organisierten und vom polit. Leben zunehmend ausgeschlossenen Bürgerschaft. In der Staatskrise von 1691 kam es zum offenen Konflikt mit dem amtierenden Kl. Rat. Unter eidg. Vermittlung erfolgte eine Verbesserung der Zustände dank einer strengen Finanzkontrolle und der Besetzung der meisten Ämter durch das Los.

Dies führte im 18. Jh. zur beherrschenden Stellung der Kaufleute, Bankiers und Bandfabrikanten in Politik und Gesellschaft. Eine Gruppe reicher Geschäftsleute führte die Stadt mit Erfolg bis zum Umsturz der polit. Verhältnisse in der Helvetik. Zu den bereits genannten Fam. hinzu kamen u.a. die Battier, De Bary, Forcart, Passavant und Sarasin. Sie prägten auch das kulturelle Leben der Stadt bis weit ins 19. Jh. hinein.

Am Ende des Ancien Régime war die Basler Oligarchie in zwei Lager gespalten: die Patrioten , welche in Anbetracht des polit. Drucks aus Frankreich von der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Verfassungsreform in zunehmendem Masse überzeugt waren, und die von den Patrioten als "Aristokraten" qualifizierten Kreise, welche einer Änderung Widerstand leisteten.

Kirche und religiöses Leben, soziale Einrichtungen, Bildung und Kultur
Die 1460 auf Initiative des Rats gegr. und durch Papst Pius II. privilegierte Univ. Basel fristete in ihren ersten Jahrzehnten ein bescheidenes Dasein. Dagegen war B. hauptsächl. als Zentrum des Buchdrucks (Johannes Amerbach, Johannes Froben, Adam Petri) vom ausgehenden 15. Jh. an Anziehungspunkt humanist. Gelehrter (Erasmus von Rotterdam, Beatus Rhenanus, Sebastian Brant, Ludwig Bär, Glarean, Simon Grynaeus, Sebastian Münster, Bonifacius Amerbach, Humanismus ).

Die Reformation liess den informellen Kreis humanist. Sodalität auseinanderbrechen und gefährdete auch den Fortbestand der Univ., welche aber 1532 als ref. Hochschule reorganisiert wurde. In der 2. Hälfte des 16. Jh. ermöglichte der geringe kirchl.-dogmat. Druck in B. ein nochmaliges Aufblühen späthumanist. Wiss., zu einem bedeutenden Teil getragen von Glaubensflüchtlingen aus Italien und Frankreich (Sebastian Castellio, Celio Secondo Curione, Johannes Buxtorf, Kaspar Bauhin, Theodor Zwinger, Felix Platter [1536-1614]). Auch wenn der Humanismus als Denkweise einer intellektuellen Elite das kulturell-mentale Leben der Stadt nicht gesamthaft prägte, sind Wirkungen im Bildungs- und Schulwesen (Thomas Platter d.Ä.) oder in kirchl. Reformversuchen (Christoph von Utenheim) erkennbar.

Traditionelle Formen religiös-kirchl. Frömmigkeit bestimmten im frühen 16. Jh. die alltägl. Glaubenspraxis. Private und kollektive Stiftungen, Ausbau und Ausgestaltung von Kirchen finden sich in der Zeit unmittelbar vor der Reformation zahlreich. Aus dem Kreis der patriz.-herrenzünft. Führungsschicht kamen an bildende Künstler (z.B. Hans Holbein d.J.) Aufträge für Arbeiten im privaten und öffentl. Raum.

Eindringende reformator. Ideen fanden nach 1520 über Druckschriften und Predigten zunehmend Resonanz (Konrad Pellikan, Wolfgang Capito, Johannes Oekolampad). Ende 1525 wurde in der Mehrheit der städt. Pfarrkirchen evang. gepredigt. Der in sich gespaltene Rat zeigte sich gegenüber der reformator. Bewegung unentschlossen. Nach schrittweisen Zugeständnissen an die wachsende Zahl der evang. Gesinnten gab er 1529 dem Druck einer bewaffneten Versammlung der Bürgerschaft nach, schloss führende altgläubige Ratsmitglieder aus seiner Mitte aus und leitete die Neuordnung der kirchl. Verhältnisse ein. Die von Oekolampad bestimmte, vom Rat 1529 für Stadt und Landschaft erlassene Basler Reformationsordnung wie auch das 1534 unter Oekolampads Nachfolger Oswald Myconius eingeführte Basler Bekenntnis folgten in zentralen Punkten der zwinglian.-ref. Richtung des Protestantismus. Nicht verwirklichen liess sich Oekolampads Vorstellung einer mit Banngewalt ausgestatteten, presbyterian. verfassten, gegenüber der staatl. Gewalt eigenständigen Kirche. Der Rat setzte die klare Unterordnung der Kirche und ihrer Pfarrer unter die weltl. Obrigkeit durch. Das Kirchen- und Schulgut wurde durch die vom Rat bestellten Schaffner und das Deputatenamt verwaltet; Bann, Ehegericht, Kirchenrat und Synode wurden vom Rat dominiert. Die exponierte Stellung zwischen dem zwinglian. und dem lutheran. Lager förderte in B. ein Klima pragmat. Toleranz. Der nach 1553 in Antistes Simon Sulzer verkörperte lutheranisierende Kurs der Basler Kirche spiegelt das Interesse der Stadt an möglichst ungestörten Beziehungen mit dem Reich. Erst Ende des 16. Jh. erfolgte unter Sulzers Nachfolger Johann Jakob Grynäus wieder die eindeutige Hinwendung zum ref. Glaubensverständnis. Die nun bis ins 18. Jh. bestimmende Protestantische Orthodoxie minderte spürbar die geistige Anziehungskraft B.s und seiner Univ. Auch innerhalb dieser dogmat. Ausrichtung blieben aber die von der Basler Kirche vertretenen Positionen vergleichsweise moderat. Zentrales Organ der Basler Kirche war der Kirchenrat, dem als Vertreter des Kl. Rats auch die vier Deputaten angehörten. Der Vorsitz lag beim städt. Antistes . Die ref. Orthodoxie der Basler Staatskirche wurde im 18. Jh. insbes. durch pietist. Strömungen aufgeweicht (Hieronymus Annoni, Herrnhuter Brüdergemeine, Christentumsges.), ohne dass es aber zu einer Umgestaltung der bestehenden kirchl. Organisation gekommen wäre.

Von der Reformation an stand auch die Schule unter der Aufsicht des Rats (Deputatenamt). In der Stadt B. bot nach dem Elementarunterricht in den Kirchgemeindeschulen die Lateinschule -- ab 1589 als einzige die später als Humanist. Gymnasium bekannte Münsterschule -- die weitere Ausbildung in den höheren Fächern. Mädchenschulen gab es je eine in Gross- und Kleinbasel.

Literar. und historiograph. Leistungen sind vornehml. z.Z. des Humanismus und der Reformation zu verzeichnen (Sebastian Brant, Pamphilus Gengenbach, Christian Wurstisen, Valentin Bolz). Zu erwähnen sind im 18. Jh. die sprachkundl. und literar. Arbeiten von Johann Jakob Spreng. Die Auswirkungen der Aufklärung auf das geistig-literar. Leben in B. waren insgesamt bescheiden. Isaak Iselins (1728-82) publizist. Tätigkeit blieb in ihrer Art singulär. Philanthrop. Ideen standen hinter der 1777 von Iselin mitbegr. "Ges. zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen" (später Gemeinnützige Ges.). Ebenfalls von Iselin 1760 initiiert, aber erst ab 1787 von Bestand war die Basler Leseges., welche in einem engeren Kreis die Auseinandersetzung mit Ideen der Zeit förderte. Dagegen trug die Form der Besetzung von Ämtern und Professorenstellen wenig dazu bei, die Univ. zu einer Trägerin neuen Denkens zu machen. Zwar besass B. durch mehrere Angehörige der Fam. Bernoulli in der Mathematik internat. Bedeutung. Dass der später geborene, auf mathemat. Gebiet ebenfalls geniale Leonhard Euler nach Russland auswanderte, weist aber gleichzeitig auf die Beschränktheit wiss. Wirkungsmöglichkeiten in B. hin.

In der bildenden Kunst stand vom 17. Jh. an die Malerei (Hans Bock d.Ä.) zurück hinter der Landschaftszeichnung (Matthaeus Merian [1593-1650], Emanuel Büchel). Die höchsten künstler. Ansprüche verwirklichten sich in der Architektur. Die auf der Seidenbandindustrie basierende Prosperität ermöglichte im 18. Jh. den Bau einer grösseren Zahl repräsentativer privater Bauten in Stadt und Landschaft.

Veränderungsansätze der Helvetik liessen sich in der Restaurationszeit am ehesten im Bildungswesen fortführen. In den Unterrichtsgesetzen von 1817 und 1818 wurde die staatl. Leitung von Schule und Univ. ausgebaut. Das altsprachl. Humanist. Gymnasium wurde nach Vorstellungen des Neuhumanismus umgestaltet und erhielt stärker als vorher propädeut. Funktion für das akadem. Stud. Gleichzeitig wurde mit der Realschule ein neuer Schultyp geschaffen, welcher auf eine prakt. Berufstätigkeit vorbereiten sollte. Die kirchl. Verhältnisse waren bestimmt durch Spannungen zwischen orthodox-pietist. und liberalen Kräften. Professorenwahlen -- insbes. die Berufung von Wilhelm Martin Leberecht De Wette 1822 auf den Lehrstuhl für Altes Testament -- gerieten dabei zum Politikum.


Texte vom Historischen Lexikon der Schweiz, Bern.


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